Dienstag, 15 März 2016 13:16

Nachlese | Johannes Hauser "nach oben" | Mit der Laudatio von Christian Silvester

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JohannesHauser ChristianSilvester 348Johannes Hauser hat mit seiner Ausstellung „nach oben“ viel  positive Resonanz bekommen. Das Konzept des Fotografen, durch die Perspektive eines extremen Weitwinkelobjektives senkrecht nach oben zu blicken, hat die Besucher in der Harderbastei begeistert. Die Schönheit, das Ornamentale und teils Erhabene hat fasziniert.

Doch es war nicht nur die Ästhetik. Es war vor allem, dass ein zweiter und dritter Blick auf die Bilder auch noch viel Spannendes bereithielt: Entstehungsgeschichten aus dem Bundestag, Sehnsuchtsorte wie hohe Wälder oder Fußballstadien, lokale Kirchen und Moscheen, Zeitgeschichte aus Dresden ... Die Vielschichtigkeit, die der Künstler selbst mitbringt - er arbeitet als Journalist und ist studierter Soziologe - zeigte sich auch in seinen Bildern. Und er machte sie zugänglich über die Zusammenarbeit mit dem Institut für digitales Lernen Eichstätt. Informationen zum "Making of" gab es über QR-Codes, die zu einer Website führten: einfach zu handhaben, gut gemacht und auch von der Optik so gut umgesetzt, dass das hohe Niveau der Fotografien gehalten wurde. Man konnte einfach nur die Bilder genießen, oder eben mehr erfahren - großartig!

Auch die zahlreich erschienen Ingolstädter Fotografen zeigten sich bei der Eröffnung beeindruckt von der Idee und Umsetzung. Bemerkenswert, so der Tenor,  dass es tatsächlich noch gelingt, neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen. In unserer Nachlese einige Bilder vom Abend und zwei besonders schöne Beiträge zur Ausstellung:

 

logo kulturkanalDas Künstlergespräch von Isabella Kreim mit Johannes Hauser im Kulturkanal Ingolstadt.

 

Und: Die Laudatio des Journalisten Christian Silvester zur Eröffnung – der Blick "eines Lutherischen" auf die Heilsgeschichte in den Fotografien, gespickt mit Anekdoten zur Entstehung und den Interpretationen eines kritischen (Zeit-)Geistes. Ganz herzlichen Dank an Christian Silvester dafür, dass wir seine an diesem Abend vielbeachtete Rede hier zum Nachlesen einstellen können.

 

ChristianSilvester2

Sehr geehrte Gäste,
lieber Johannes,

Mir obliegt die schöne Aufgabe, ein paar einstimmende Gedanken zu Deinen eindrucksvollen Fotos in diese Festung zu streuen. Es freut mich auch, dass so viele Gäste gekommen sind. Und nicht zuletzt freut es mich, so viele Kollegen vom DONAUKURIER zu sehen. Wir Lokalredakteure erhalten hier die seltene Gelegenheit, die wie immer überwältigenden Eindrücke des gerade zu Ende berichteten Tages im Kreise hochkultureller Impressionen verarbeiten zu können. Ein bisschen Feuilleton am Feierabend ist ja nie verkehrt.

Johannes' Ausstellung „nach oben“ lässt den Begriff der Hochkultur in ganz neuem, verstörend-betörendem Licht erscheinen. Denn der Blick seines Fischaugenobjektivs, wie man im Fachjargon sagt, geht weit hinauf. Acht Millimeter Brennweite – der extremste im Handel erhältliche Winkel – öffnet eine bis dato unbekannte ästhetische Reflexionsebene. Die Welt wird – völlig unwirklich – zur Kugel. Ein eigenes 360-Grad-Universum, in dem sich Strukturen auflösen und irrlichternd neu zusammenfließen. Egal, ob ein surreal dahinströmender Sardinenschwarm in einem kalifornischen Aquarium, der Eiffelturm in Paris, die Münchner Allianz-Arena, die Dresdner Semperoper, egal ob der Dom zu Aachen, die Kathedrale zu Reims oder die futuristisch-antik-postmoderne Kuppel der Ingolstädter Piuskirche – sie alle schauen in dieser Ausstellung fremdartig-vertraut auf uns herab. Die 8-Millimeter-Radikalvertikale von ganz unten streng himmelwärts erweitert den Blick auf scheinbar fad-Bekanntes um ungeahnte Dimensionen, der Johannes lädt millionenfach abfotografierte Objekte mit neuer Faszination auf. Nach dem Hauserschen Fischaugenverfahren würde sogar jeder Hobbykeller, ja jede Doppelgarage in avantgardistischer Formensprache grüßen. Und selbst ein freudlos-spröder evangelischer Gemeindesaal entfaltet auf diesem Wege nachgerade barocke Pracht.

Apropos barocke Pracht. Johannes Ausstellung war Anfang Februar in etwas anderem Rahmen ja schon in Eichstätt zu sehen. Auch damals durfte ich bei der Vernissage ein paar einführende Worte sprechen. Ich wusste wohl, dass ich in dieser glaubensstarken Garnison der Geistlichkeit mit klerikalen Einlassungen extrem vorsichtig sein musste – zumal als Lutherischer. Dennoch kam ich nicht umhin, zu bekennen, dass mir Johannes Ausstellung ... ein Ideechen zu katholisch ist.

Gut, nach einer Schrecksekunde lachte da das Eichstätter Publikum sogar ein wenig. Ganz anders verhielt es leider bei meinen – wie ich in aller Bescheidenheit sagen darf – absoluten Knallerpointen rund um das politische Reizwort der Obergrenze, welche der Ausstellungstitel „nach oben“ natürlich nahelegt. Da blieb es staatstragend still im Raum. Ich spare mir diese Witze heute – aber nur, weil niemand von der CSU da ist.

Ich möchte kurz darlegen, wie sich die Dominanz der Kirche Roms in dieser Ausstellung erklären lässt. Ohne Johannes Fotografien theologisch zu überfrachten, wird doch schnell klar, dass der Schlüssel zum Verständnis zweifellos in der Heilsgeschichte liegt. Denn der Lutherische hat es, im Gegensatz zum Katholiken, ja nicht so mit der Transzendenz. Deshalb kommt bei Anhängern Luthers „nach oben“ in der Regel nicht mehr allzu viel, weder liturgisch, noch bautechnisch. Der Protestant ringt lieber im ganz und gar Irdischen um Gottes Gnade, deshalb neigt er auch nicht so zur Schöpfung prachtvoller Kuppeln und Gewölbe, also ganz anders als der Katholik, dem die Orientierung Richtung Jenseits ja schon in die Wiege gelegt ist. Und so streben eben hauptsächlich gut katholische Kirchen mit kühnen Bögen dem Himmel entgegen – wie erschaffen für Hausers Fischauge.

Es mag reiner Zufall gewesen sein, dass der Johannes nach meiner kritischen These bei der Eichstätter Vernissage sofort mit entsichertem Fotoapparat in die Dresdner Frauenkirche gerast ist, um dieses seltene Beispiel protestantischer Eleganz in seine Ausstellung aufzunehmen. Anschließend wandelte er – pardon: verwandelte er noch die Spanische Synagoge in Prag und die Ingolstädter Kocatepe-Mosche in einen kreisrunden 8-Millimeter-Kosmos. Heute darf man schließlich sagen: Selten prunkte eine Werkschau mit solch stringenter religiös-weltanschaulicher Ausgewogenheit.

Es gibt übrigens einen Punkt in dieser Ausstellung, an dem sich Religion und Weltanschauung idealtypisch vereinen. Zumindest für Anhänger des FC Bayern. Es ist der Anstoßpunkt der Allianz-Arena. Auch an diesem Sehnsuchtsort fußballerischen Wirkens war der Johannes unlängst zugange. Er schuf dort ein wie von Michelangelo gemaltes mystisch schimmerndes Gemälde, das anmutet wie das Tor zu einer anderen Welt. Sollten Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß je feierlich in den Himmel auffahren – wovon ich fest ausgehe – dann von diesem Anstoßkreis aus, im Glanze glorienreicher Hauserscher Ästhetik.

Das Fischauge vermag übrigens auch eher mittelglänzende Mitbürger wie mich in Lichtgestalten zu verwandeln. Oder die Ingolstädter DK-Lokalredaktion. Sie schaute noch nie so dermaßen lässig aus, wie an jenem Nachmittag, da der Johannes einen Kollegenkreis formte, seine Kamera in Position brachte und den Selbstauslöser aktivierte. Herauskam ein richtig cooles Bandfoto im passendem Schallplattenformat.

Wir führen das nachher gern nochmal vor.

Auch die Werkgeschichte zu Johannes' Fotos birgt hohen Unterhaltungswert. Zum Beispiel wissen wir jetzt, dass im Deutschen Bundestag Fotografen außerhalb der Pressetribüne nicht zugelassen sind. Der Weg unter Sir Norman Fosters gläserne Kuppel, zweifellos die schönste Obergrenze der deutschen Demokratie, war dem Johannes amtlich versperrt. Nach einer Korrespondenz mit der Verwaltung des Hohen Hauses ereilte ihn eine traurige Erkenntnis: Vermutlich ist es sogar einfacher, mit den Aldi-Erben und Lidl-Gründer Dieter Schwarz, von dem nur ein einziges Foto kursiert, eine nette Homestory zu machen, als im Plenarsaal des Bundestages Lichtbildkunst zu schaffen. Aber dann trat ein anerkannter Brückenbauer auf die Bühne der Hochkultur: Reinhard Brandl, unser Ingolstädter CSU-Abgeordneter, legte dem Bundestagspräsidenten mit lobenswertem feuilletonistischem Beharrungsvermögen besonders gelun-gene Fischaugenensembles auf den Tisch und ans Herz, bis Norbert Lammert beeindruckt eine Ausnahmegenehmigung erteilte.

Ende November – ich arbeitete in dem Moment an einem Werk über die jüngste Sitzung des Bezirksausschusses Nordwest - erreichte mich schließlich eine SMS vom Johannes. „Ich sitze gerade unter dem Tisch von Claudia Roth!“ – Na Respekt, dachte ich, da ist er ja im tiefsten Herzen der Demokratie angekommen. Claudia Roth! Mehr parlamentarische Innerlichkeit geht nicht.

Er selbst kann zu jeder Aufnahme eine nette Anekdote erzählen und wird es auch gleich mit Freude tun. Neue heitere Geschichten werden sicher folgen, denn mit solch erstklassigen Referenzen wie dem Bundestag oder St. Pius in der Mappe dürfte es dem Johannes fürderhin ein Leichtes sein, mit seinem Fischauge in weitere weltberühmte Bauwerke und markant gerundete Räume zu gelangen, ich denke da etwa an die Privatkapelle des Papstes, das Mao-Mausoleum und das Oval Office des amerikanischen Präsidenten. Vielleicht, wer weiß, überrascht uns der Johannes in einem Jahr bei der Eröffnung seiner Ausstellung „nach oben Teil 2 - höher geht’s nicht“ mit Erzählungen wie: „Das Shooting im Weißen Haus war echt okay, nur Donald Trump hat ein bisschen genervt.“

Ich wünsche viel Freude beim Entdecken der Ausstellung und danke für die Aufmerksamkeit.

Christian Silvester ist Journalist, lebt in Ingolstadt und arbeitet beim DONAUKURIER

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