Freitag, 10 August 2018 12:02

Gabriele&Tom Neumaier zur künstlichen Intelligenz und natürlichen Dummheit | Kleines Frankensteindepot

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348 GabrieleTomNeumaierIngolstadt | Jubiläum. Vor 200 Jahren wählte Mary Shelley Ingolstadt als Schauplatz ihres Schauerromans über Frankenstein und seinen künstlich geschaffenen Menschen. Frankensteins Monster ist seither ein Symbol für gewissenlose wissenschaftliche Grenzüberschreitung, für Machbarkeitswahn und die ungebrochene Illusion alles auch kontrollieren zu können. 2018 ist in Ingolstadt auch das Jahr der städtischen Offensive für die Digitalisierung. Die Stadt will Premium werden für künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos und mehr. Da verwundere es doch, so der Künstler Thomas Neumaier, wie verharmlosend die touristischen Events der Stadt an einem längst vergangenen Wissenschaftsbild festhielten. Die Romantisierung Frankensteins habe mit der heutigen, industriell getriebenen digitalen Revolution aus Großforschunglaboren nichts mehr zu tun. Wissenschaftskitsch statt Reflektion? Es sind die Kunst- und Kulturschaffenden der Stadt, die die Fortschrittseuphorien und –ängste zum Thema machen, die der digitalen Zukunft Bilder geben, sie kritisch beleuchten oder satirisch erhellen. So lädt das Stadttheater Mitte Juni zum hochkarätig besetzten, mehrtägigen Infotainment-Spektakel „Futurologischer Kongress“ ein (futurologischer-kongress.de). Die Kunst- und Kulturbastei ging im Mai mit ihrem Street Art-Festival Frankenstein 3D auf den Rathausplatz und war drei Tage lang mit der die Illusionsmalerei international renommierter Künstler zu Digitalisierung und künstlicher Intelligenz ein Publikumsmagnet.

Kleines Frankenstein Depot | Objekte und Fotos zur künstlichen Intelligenz und natürlichen Dummheit
Gabriele&Thomas Neumaier

Das Künstlepaar Gabriele&Thomas Neumaier eröffnete, in Zusammenarbeit mit dem Dt. Medizinhistorischen Museum und dem Kulturreferat, das „Kleine Frankensteindepot mit Objekten und Fotografien zu künstlicher Intelligenz und menschlicher Dummheit.“

348 Ruisinger2Marion Ruisinger, Direktorin des DMM und Gastgeberin für die Ausstellung, ordnete die Dinge ein. Entwicklungen, sich als Mensch zu optimieren und vor allem, seine Reichweite unabhängig vom eigenen Körper zu erhöhen sind vielfältig: Weit und weiter sehen, weit hören und mit Menschen sprechen, die fern am anderen Ende der Welt sind. Dazu gehört, überall hin und von überall auch gesehen zu werden, mit Gesichtserkennung sogar erkannt werden zu können, ganz gleich wo auf der Welt man gerade ist. Sie verwies zudem auf die aktuelle Ausstellung im DMM zur Radiologie in der NS-Zeit (noch bis 9. September). Die Röntgenstrahlung wurde unter den Nationalsozialisten auch im Dienste verbrecherischen Rassenwahns eingesetzt, hat Menschen durchleuchtet, kategorisiert und aussortiert.

„Algorithmen können rassistisch sein.“

Monströsität sei längst nicht mehr die Grenzüberschreitung eines einzelnen Frankenstein, darauf weisen auch Gabriele und Thomas Neumaier hin. Seit den beiden Weltkriegen, sei das Monströse massenhaft geworden, millionenfach und industriell durchgeführt und von einem zuletzt totalitären System präzise bürokratisch geplant. Die Kriege haben zudem eine ganze Industrie für den Ersatz abgerissener Gliedmaßen und menschlicher Ersatzteile hervorgebracht. Vieldeutig das „Kleine Gelächter“, eine große Kiste mit Gebissabdrücken, die einfach nur Prothesen sein könnten. Oder doch auf das heutige Schönheitsdiktat perfekter Zahnreihen anspielen?

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Sind es die erschreckenden Bilder massenhafter Sammlungen von Brillen und Prothesen in den Konzentrationslagern, die sich in unsere Gedanken schieben. Gabriele und Thomas Neumaier spielen mit Assoziationen. Immer wieder wird doppeldeutig auf das Totalitäre in den aktuellen Themen von Vermessen, Erkennen, Erfassen, Kategorisierung oder Aussortieren angespielt. Die heutige Selbstoptimierung gerät ebenfalls in dieses Licht: Bikinibridge, Paperwaist - der Gedankensprung zu den von der Industrie gezeigten Körper-Idealen, die als digitale erzeugte (Vor)Bilder massenhaft Teil unserer Alltags sind, liegt nahe. Optimierung bis hin zur Künstlichkeit. In der Ausstellung ist nie ganz klar, ob es sich um Exponate aus dem Depot des medizinhistorischen Museums handelt oder um Kunstobjekte.

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Die Künstler führen uns von der echten, hilfreichen Prothese wie der „Handorthese für einen Organisten“ zur Brisanz der Leistungssteigerung mit Hilfe von Elektroden auf Hirnkappen oder rosa Tabletten. „Ich fühle mich erst wohl, wenn ich das geworden bin, was ich sein soll. Erschreckend ist die Freiwilligkeit dabei.“, so Thomas Neumaier bei seiner einführenden Wort- und Klang-Performance mit Heinz Grobmeier.

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Der Musiker, im sauberen weißen Kittel der Wissenschaft, spielt auf einer bizarren Klaviatur von gurgelnden Blutgeräuschen, alten Prothesen und Krücken. Er untersucht, wieviel Frankenstein wohl in uns selbst steckt. Was geben wir auf, wenn wir uns optimieren, wenn wir die Industrie, die künstliche Intelligenz mit unseren Daten zu füttern. Am Ende steht die Selbstaufgabe mit der dann totalen Freiheit - von uns selbst.

Erschreckend ist die Freiwilligkeit

Die künstliche Intelligenz mit den Algorithmen beeinflusst uns. Sie sortieren (uns) aus, sind ebenso allumfassend wie intransparent. Künstliche Intelligenz erkennt Abweichungen, das System schlägt dann Alarm. „Algorithmen können rassistisch sein.“ Sie sind nicht objektiv, sie werden gespeist aus menschlicher Subjektivität oder von Interessen. Alles Themen, die uns mehr oder weniger bekannt sind. Das Spiel der Künstler mit den Bildern und Objekten im Frankensteindepot schafft überraschende, oft erschreckende, Momente des Erkennens bekannter und neuer Zusammenhängen. So soll die biometrische Gesichtserkennung Terroristen erkennbar machen und vorbeugen. Ein Präsident Erdogan hat dabei sicher andere Vorstellungen von Terroristen, wie wir. Oder? Und: kann der Mensch die Gesichtserkennung eigentlich auch austricksen.Es gibt ja viele Dinge, die „ein Gesicht“ haben, ein Ceranfeldschaber zum Beispiel. Gabriele Neumaier reizt uns mit ihren Fotografien zur biometrischen Vermessung an, der künstlichen Intelligenz mit der natürlichen Dummheit des (rebellischen) Menschen Grenzen zu zeigen. Das Brett vorm Kopf wäre eine solche Idee und hätte dann auch etwas Gutes. Sind diese Bilder Neumaiers Appelle an unseren Widerstand, wäre es möglich sich zu schützen oder wenigstens nicht freiwillig selbst so vieles preiszugeben für die Selbstoptimierung. Können wir noch selbst entscheiden?

Kleines Frankenstein Depot | Objekte und Fotos zur künstlichen Intelligenz und natürlichen Dummheit |Kunstausstellung von Gabriele&Thomas Neumaier
Bis 7. Oktober 2018, Freskensaal in der Hohen Schule (ehem. Universitätsgebäude), Goldknopfgasse 7, Di. bis So. von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr. Eintritt frei.

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Bildhinweis © Petra Kleine | K10.

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