k10 redaktion

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Kunstempfang2019 348 2Ingolstadt | Stark, selbstbewusst und in großer Einmütigkeit startete die Ingolstädter Kunst- und Kulturszene ins neue Jahr 2019. Mit ihrem Neujahrsempfang in der Harderbastei wollten sie vor allem eines: Feiern, die Kunst und auch sich selbst. Eingeladen hatten erstmals gemeinsam der Berufsverband Bildender Künstler Ingolstadt & Obb. Nord (BBK), der Kunstverein Ingolstadt, die Kunst- und Kultur Bastei mit der Kinder- und Jugendkunstschule, die Kunst- und Kulturwerkstatt KAP94 sowie der Verein Künstler an die Schulen. Seite an Seite mit ihnen an diesem Abend auch Stadttheater-Intendant Knut Weber und Simone Schimpf als Direktorin des Museums für Konkrete Kunst. Für beide gab es ausdrücklich unterstützende Statements, denn hier stehen aktuell die neuen Kammerspiele und der Museumsneubau in der politisch strittigen Diskussion, mit Millionen-Investitionen. Solch enorme Projektsummen kann die freie Kunstszene mit all ihrer Strahlkraft freilich nicht erwarten, doch sie plädierte vorbehaltslos für den Ausbau der großen, kulturellen Zentren der Ingolstädter Kulturlandschaft. Kulturreferent Gabriel Engert, stets wohlgelittener Gast in der Szene, unterstrich nicht nur, dass er alles daransetze die großen Kulturprojekte zu realisieren, er betonte auch den Wert der stetig wachsenden freien Szene für den „urbanen Zusammenhalt“. Kunst und Kunstfreiheit wurde von allen Seiten als wichtiger Beitrag für ein zukunftsfähiges Ingolstadt betont. Unverzichtbar und mitnichten ein Luxus. Mehr als 100 Projekte mit Kindern würden von Künstler an die Schulen umgesetzt schilderte Vorsitzende Viktorija Haderer die Dimension der Vereinsarbeit. Paula Gendrisch sprach für das KAP94, der freien Kulturwerkstatt im Künettegraben, inzwischen auch als Verein gegründet – Fördermitglieder willkommen! Werner Kapfer, „eigentlich ein optimistischer Mensch“, zeigte sich besorgt über den Streit zu den neuen Kulturbauten und rief zur konstruktiven Diskussion auf, um gemeinsam mit den Kreativen gute Lösungen zu finden. Hubert Klotzeck betonte für den Kunstverein den freudigen Aspekt des Abends und forderte launig zum (sich) feiern auf: "Wenn Trubel und wilde Zeiten anbrechen, soll man Fröhliches sprechen." Das übergreifende gemeinsame Kunstprojekt für 2019 stellte Beate Diao vor, es heißt „Wasser“. Alles fließt!

Fredrik Lindqvist | Zeitgenössischer Stoff

lindqvist348Der Künstler Fredrik Lindqvist bebilderte den Abend mit seiner aktuellen Ausstellung „The Cut“. Seine farbenprächtigen, textilen Holzschnitte sind Erzählungen aus dem hektischen urbanen Alltag, intime Einblicke in jugendliches Leben, Familienszenen, Phantasiegestalten, Märchenwelten, auch mal düster. Lindqvist fügt seine Bilder zu großflächigen, expressionistischen Collagen aus Stoffen und Mustern zusammen, bedruckt sie mit Holzschnitten, näht selbst mit der Hand zusammen, aufeinander, aneinander. Er hat damit eine einmalige Ausdrucksform geschaffen, die mal wie ein Comic anmutet, mal märchenhaft wirkt oder eine fantastische Welt skurriler Lebensformen ist – tierisch, menschlich, anekdotisch. Der gebürtige Schwede lebt und arbeitet in Ingolstadt, er hat an der Umeå Kunstakademie und der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Große Museen wie das Britische Museum in London oder das Nationalmuseum Stockholm kennen seine Werke und kaufen sie inzwischen an. Hervorgehoben wird die außerordentlich sinnliche und hohe handwerkliche und künstlerische Qualität seiner Arbeiten. Ein trefflicher Rahmen also, für das Jahrestreffen der Künstlerinnen und Künstler unserer Stadt, seine Motive von buntem Volk in allen Lebenslagen. Einen aktuellen Katalog gibt es beim Künstler selbst fredrik-lindqvist.com oder über den BBK Ingolstadt.

 

Bilder vom Neujahrsempfang Kunst und Kultur 2019

 

Fotonachweis: © Petra Kleine
Bilder in der Kunstausstellung: Fredrik Lindqvist "The Cut" www.fredrik-lindqvist.com

 

 

Jens Rohrer Michael v BenkelIngolstadt | Michael von Benkel und Jens Rohrer sind feste Größen der Ingolstädter Autorenszene. Sie haben uns, gerade richtig für die kalte Jahreszeit und unter den Weihnachtsbaum, mit neuen Büchern beglückt - klug, verrückt, nachdenklich, märchenhaft – voll mit der Liebe zum Leben und dem Hang zur Übertreibung. Eine Warnung vorab: wenn man mal angefangen hat zu lesen, will man nicht mehr aufhören. Das gilt für beide Bücher, so unterschiedlich sie sind.

Michael von Benkel | Das Königreich der Inseln. Ein Kinderbuch nicht nur für Erwachsene

Märchen, heißt es, malen Bilder in unsere Köpfe. Die Bilder vom Königreich der Inseln werden blau sein, denn Luhi lebt auf dem blauen Planeten Moho. Alle Pflanzen und Bewohner sind hier blau, auch Luhi, der Held des Märchens. Luhis Heldenreise hat 12 Stationen, so wie es seit jeher bei den echten Helden ist, doch es muss ja nicht Odysseus oder Luke Skywalker sein. Luhi ist so jung, dass er noch zur Schule geht. Und weil er diesen Schulweg ganz alleine geht, kann hier für ihn ein Abenteuer beginnen, bei dem er viel über sich und die Welt und sich in der Welt lernt. Wenn der Autor Michael von Benkel eine Geschichte erzählt, hat die Zahl 12 immer eine besondere Bedeutung, ganz gleich, ob es ein Krimi ist oder eben ein Märchen. Es ist Benkels fünftes Buch (auch jedes andere ist zu empfehlen) und an dieser Stelle sollte vielleicht auch erwähnt werden: Der Ingolstädter Autor ist auch Strafrichter, am Amtsgericht Ingolstadt. Er kennt sich also bestens aus mit Geschichten, mit Wahrheit und Lüge und all dem was dazwischen liegt. Auch wenn vieles auf Moho anders ist, Freundschaft, Liebe und Hilfsbereitschaft sind auch auf diesem blauen Planeten wichtig. Beim Lesen – und vor allem beim Vorlesen – können wir gut darüber sinnieren, warum auf Moho oder auf der Erde alles so ist wie es ist und was sich ändern ließe. Benkels spürbare Liebe zum Leben und zum eigenen blauen Planeten Erde, sind es, die uns beim Lesen berühren. Seine Wortspiele machen großen Spaß und mit den gewitzten Umdeutungen von vermeintlich Bekanntem, verblüfft er uns. Wußten sie, dass man mit Geldsummen bezahlen kann? Na, dann summen sie mal! In Moho ist das jedenfalls möglich und führt zu ganz neuen Herausforderungen. Benkel erfindet 12 wundersam Inselgeschichten und so wunderbare Orte, wie ein Restaurant, in dem man sich an Bildern sattsehen kann. An seinem Buch kann man sich jedenfalls gar nicht genug sattlesen!

Michael von Benkel | Das Königreich der Inseln. Ein Kinderbuch nicht nur für Erwachsene. 9 €. Erschienen im bp-Verlag. Erhältlich im örtlichen Buchhandel oder beim Autor selbst. Ein kleines Highlight sind die Illustrationen im Buch, die von Benkels fünfjährige Enkelin gezeichnet hat. Das Titelbild ist gestaltet vom Künstler Franz Duna.

Isabella Kreim stellt Michael von Benkel und sein neues Buch im Kulturkanal vor - hier.

Jens Rohrer | Der Dreiungvierzigjährige, der aus der Haustür trat und spazieren ging | Kurzgeschichten

„Wie Kafka, nur lustiger“ das meint Jens Rohrer, der Dreiundvierzigjährige, selbst. Mit seinem neuen Erzählband steigert sich der Autor weiter ins Absurde und Unglaublich-aber-Wahre. Dabei ist längst nicht alles nur erfunden, manches kommt direkt aus der Wirklichkeit, sieht nur nicht jeder. Rohrer sieht‘s. Die Hufeisenniere, soviel ist sicher, ist echt und aus/in Jens Rohrer selbst. Aber wußten sie, was passiert, wenn man an einem Meisenknödel knabbert. Wird dann die Amsel in uns lebendig oder ist das nur unser ganz normaler Vogel, von Rohrer wieder mal ins Kafkaeske gezerrt. Die Non-Food-Produkte einer Kaffeekette sind (fast) alles echte Lifestyle-Produkte, die durch ihren Irrwitz Jens Rohrer zu einer Story inspirieren konnten, bei der er (fast) nichts dazuerfinden musste. Oder doch? Der Herrenslip mit Soundelementen (Bob Marleys Reggae-Song „Get up, stand up“ inbegriffen?) oder ein digitales Springseil ohne die lästige Schnur können doch keine marktfähigen Produkte sein. Wer denkt sich sowas aus und wofür? Sie werden überrascht sein, was es alles wirklich gibt, denn „jeden Tag steht ein Depp auf“. Doch ganz gleich, was die Kaffeekette sonst noch so erfindet, Rohrer erfindet mehr. Interviews mit Maria zum Beispiel. Und dann auch eins mit ihm, mit Josef. Weihnachtlich wird’s eher nicht, soviel sei verraten. Ein großer, kluger Spaß, der uns – zumindest für eine Weile – auch verändert, weil einem plötzlich vieles komisch oder alles normal vorkommt. Rohrer macht den Kopf frei oder Rohrfrei für den Kopf - war das jetzt von ihm oder von mir? Wer weiß das schon. Buch lesen!

Auch hier ein gestalterisches Highlight: das Umschlagmotiv ist von Paolo Lumpi gestaltet, aus der Serie „Der Mann mit der roten Jacke“, nur für Jens Rohrer gibt es ihn mit blauer Jacke.
Erschienen im bp-Verlag, 9 €. Zu kaufen m örtlichen Buchhandel oder beim Autor selbst. www.jens-rohrer.org

Isabella Kreim vom Kulturkanal Ingolstadt stellt Jens Rohrer im Interview vor - hier.

Fotonachweis | © Petra Kleine | K10

ECM web 348Ingolstadt | Noch bis Ende Januar zeigt der Kunstverein Ingolstadt die Ausstellung "Der Wind, das Licht – ECM und das Bild" zur CoverArt des Münchner Musiklabels ECM Edition of Contemporary Music. Hubert P. Klotzeck, Kunstvereins-Vorsitzender und Kurator der Ausstellung war in den ECM-Archiven unterwegs und hat uns viele Originale daraus nach Ingolstadt geholt.

Musik ist etwas sehr Persönliches. Nachts im Studentenwohnheim, allein mit der Musik, dem Saxophon von Jan Gabarek, das schwarze Vinyl dreht sich auf dem Plattenteller und auf dem Bett liegt das Cover, mit der  Fotografie einer verwitterten, gelblichen Mauer.  Es ist anders als andere Plattencover – eher zurückhaltend, weniger grell, weniger aufdringlich, weniger laut. Solche persönlichen Erinnerungen, wie diese aus den 80er Jahren von Eröffnungsredner Dr. Andreas Hochholzer, tauchen mit der aktuellen Ausstellung des Ingolstädter Kunstvereins auf. „Der Wind, das Licht. ECM und das Bild". Die Ausstellung ist eine Hommage an den Münchner Musikverlag ECM - Edition of Contemporary Musik. Sie eine Liebeserklärung an die Musik und die Bilderwelt dieses Labels und nicht zuletzt: eine Ausstellung zu Cover Art, zu Fotografie, Malerei und angewandter Kunst auf Plattenhüllen und CDs.

Das Label ECM wurde 1969 von Manfred Eicher gegründet und hat sich seither dem Jazz und der zeitgenössischen Klassik verschrieben. Als ein von Musikern geführter Plattenverlag legte ECM großen Wert auf Werktreue, weniger auf kommerzielle Trends und setzte mit seinen sorgfältigen Aufnahmen neue Maßstäbe in der Plattenproduktion. „Mein Kompass ist: ich möchte hinter dem was ich höre, etwas Persönliches hören. Die persönliche Aussage, die die Person die sie spielt mit der Musik zum Ausdruck bringt.“ beschreibt Manfred Eicher selbst seinen Maßstab.

348 ECM Das Plakat 348ECM ist weltweit einer der führenden Verlage in diesem Genre des Musik-Markts. Das Cover, das Bild der Platten- und CD-Hüllen, das Design, waren von Anfang an ein untrennbarer Bestandteil der Musikproduktionen. Die intensive Zusammenarbeit Eichers mit den Gestaltern prägte den ECM- Stil. Sie schufen eine eigene Bilderwelt, die einen untrennbaren Dialog zwischen Bild und Musik eröffnete. Anhand ausgewählter Beispiele und der Präsentation der bisher veröffentlichten Album-Cover wird in der Ausstellung diese Bildwelt von ECM vorgestellt. Dazu werden die Bezüge zu Fotografie, Malerei und Film gezeigt, mit vielen Originalen aus dem ECM-Universum und immer mit Bezuf auf die CD oder Platte.

Kurator Hubert P. Klotzeck ist Fotograf, Galerist („Bildfläche“ in Eichstätt) und Teil des Elektronik-Klang-Duos Hotzeck. Für ihn ist ECM nicht irgendein, sondern der Musikverlag. Er bekam durch die zufällige Wiederbegegnung mit Nicola Kremer, einer Jugendfreundin und inzwischen im Management von ECM, die Chance in die Archive des berühmten Münchner Musikverlags gehen zu können. Originalplakate seit 1969, die Kunstwerke und die originalen Photografien, die Bestandteile der Booklets und Cover geworden waren, Portraitaufnahmen weltbekannter Musikerinnen und Musiker in Livekonzerten, Backstage oder im Tonstudio. Klotzeck konzipierte die Ausstellung, eigens für Ingolstadt. 350 Stunden Arbeit waren das, so Klotzeck, von der Planung bis zur Umsetzung, gemeinsam mit Ehrenamtlichen des Kunstvereins. Passgenau für die Jazz-IN-Stadt, das Ingolstadt der Jazztage, bei denen in den letzten Jahrzehnten so viele der weltbekannten ECM-Künstler live zu sehen waren. Wow!

„Da muss ich doch gleichmal suchen, ob auch meine erste Jazz-Platte dabei ist…“. Dieser Gedanke liegt nahe und war vielfach bei der Vernissage zu hören. Die Ausstellung ist so auch eine persönliche Erinnerungs-Reise für die, die sich mit Musik, speziell mit der von ECM, verbunden fühlen. Das Wiedersehen mit Platten, Musikern, Konzerterlebnissen, Emotionen ist ein wesentlicher Teil dieser vielschichtigen Ausstellung. Alles läuft dabei auf die Wand zu bzw. auf ein wandfüllendes Mosaik, in dem Musik, Bilder, Erinnerungen gespeichert sind – 1376 Cover, fast 50 Jahre ECM, chronologisch angeordnet. Und sogleich beginnt eine zweite Suche: Gibt es einen Stil, erkennt man eine Epoche, einen Zeitgeist, gibt es eine Entwicklung, verändert sich die Typografie …?

Das Cover. Die Stille vor der Musik

Die Musik wird bei der Produktion zunächst normiert und auf ein für alle Musik festgelegtes Tonträger-Format gebannt. Jede Scheibe sieht gleich aus, sie unterscheiden sich voneinander zunächst durch die Verpackung, die Hülle mit Bild und Schrift. Das Cover. Das Cover ist die Stille vor der Musik.  „Es ist die – noch – ungehörte Musik, so etwas wie ein Andachtsbild, bevor die Musik anhebt, bevor das Eigentliche beginnt.“ Dr. Andreas Hochholzer (ganzer Text s.u. oder Anhang zum Download) lenkte bei der Vernissage den Blick auf diese kleine, normierte Fläche – 31,5 cm2 für die Platte oder 120 mm2 bei der CD – auf der Design und Kunst zusammenkommen. Coverdesign hat sich so längst zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt, manche Plattencover sind geradezu legendär geworden. ECM-Produzent Eicher hat bei der Gestaltung seiner Cover jene eigene Ästhetik entwickelt, die seither auch integraler Bestandteil der Musik geworden ist. Die Ausstellung zeigt dies, sie zeigt originale Kunstwerke und die Artwork bis hin zum fertigen Cover. Und sie gibt auch Hinweise auf die Verbindungen zum Film und die musikalische Entwicklung bei ECM.

 

348 ecm PetraKleine 348Selbst habe ich an der Wand natürlich auch eine meiner ersten ECM-Platten gefunden und wieder einmal hervorgeholt: Eberhard Weber, COLOURS, ecm 1186, 1980. Das Coverbild zeigt das Foto einer Malerei. Eine wunderbare, nackte Frau auf dem Sofa, entspannt und auf etwas in der Ferne (oder Tiefe) gerichtet. Dazu eine Katze, ein Rabe, eine großblumige Topfpflanze. Hintergrund ist eine naturbraune Kartonage im Öko-Raw-Design der 80er Jahre. Fast ein wenig anders als der sonst eher klare, minimalistische ECM-Stil. Ich höre also mal wieder in die Musik hinein und gehe dieses Mal auch ihrer Verbindung mit genau diesem Bild nach.
 

Kunstverein Ingolstadt, Theatergalerie, noch bis 27. Januar geöffnet. Fr bis So und an Feiertagen von 12 bis 18 Uhr.

www.kunstverein-ingolstadt.de

 

Fotos | © Petra Kleine | K10

 

 

 

Bilder der Ausstellungseröffnung
(zum Vergrößern darauf klicken)

 

Der Text | Einführungsrede von Dr. Andreas Hochholzer zur Ausstellung

„Der Wind, das Licht – ECM und das Bild“
Ausstellung im Kunstverein Ingolstadt e.V. | 3.11.2018 - 27.01.2019


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Besucher der Ausstellung „Der
Wind, das Licht – ECM und das Bild“ hier im Kunstverein Ingolstadt, herzlich
willkommen.

Ich weiß nicht, wie weit Sie in Ihrer eigenen Vergangenheit zurückgehen
müssen, um dort zu sein, wo Sie Ihre erste ECM-Veröffentlichung gehört
haben… Monate, Jahre, Jahrzehnte?

Bei mir liegt es jedenfalls einige Jahrzehnte zurück: Anfang der 80er Jahre,
in einem Studentenwohnheim, ein wenig außerhalb von Eichstätt gelegen,
in einem Zimmer mit 14 qm, mit weißen Resopalmöbeln, bestehend aus
Schrank, Bett und Schreibtisch; der Boden mit grauem Nadelfilz ausgelegt,
ein Fenster mit Blick auf Buchen, Kastanien, Ahorn und Fichten, dazu
Duftschwaden von Räucherstäbchen aus Sandelholz. Und dort drehte sich
die schwarze Scheibe, und die Einsteckhülle und das Cover lagen auf dem
Bett und ich griff danach und ich konnte mir keinen Reim aus dem Titel
machen und noch weniger, was das Coverbild meinte, und so hielt ich mich
an die namentlich aufgeführten Musiker und die Zeitangaben der einzelnen
Stücke. Der Titel der Schallplatte lautete „Witchi-Tai-To“ und auf dem Foto
konnte man eine schadhafte sandsteingelbliche Mauerstelle sehen, wie sie
im vorsanierten und vorrestaurierten Deutschland an vielen Gebäuden zu
finden war, wenn nicht das milde Licht auf ein ferneres Land verwiesen
hätte. Wie gesagt, man kannte marodes, angeschrammtes Mauerwerk,
allerdings nicht auf einem Cover einer Schallplatte.

Irgendwie unterschied sich dieses Cover von den anderen mir geläufigen,
das Sujet war ein anderes, die Farbigkeit war eine andere, die Schrift war
viel kleiner. Es fehlte alles Grelle, Aufdringliche, Laute, und dieses Fehlen
war kein Mangel, sondern eine andere Sprache und ein Anspruch und ein
Geschenk für den Plattenbesitzer, und das setzte sich fort in den anderen
Schallplatten, die ich nach und nach in die Hände nahm:
Return To Forever (1022)
Belonging (1050)
Clouds In My Head (1059)
Dansere (1075)
Staircase (1090/1091)
Watercolors (1097)

So fing das damals bei mir an, und wie war es bei Ihnen?
Gibt es bei Ihnen auch so etwas wie den Beginn dieser Leidenschaft, einer
Leidenschaft zum „vollkommenste(n) Typus der Kunst…, (die) nie ihr letztes
Geheimnis verrät“, wie es Oscar Wilde ausdrückte, eine Leidenschaft also
zur Musik? Freilich, liebe Besucher, über Musik können wir an dieser Stelle –
und das bedauere ich – nicht sprechen, wenigstens nicht unmittelbar.
Wir können auch nicht über die Öffnung in alle möglichen musikalischen
Richtungen sprechen, die in den ECM-Aufnahmen geschehen ist und
immer noch geschieht. Genregrenzen gibt es keine mehr und die
Ausweitung in alle Tongebiete gleicht Apolloreisen ins Unbekannte und
Unbenannte und Ungehörte.

Wir können auch nicht über all die grandiosen Musiker, Komponisten und
Sänger, die den musikalischen Kosmos der ECM-Veröffentlichungen
bevölkern, sprechen. Was haben diese Künstler an Eigenem,
Unverwechselbarem, Ungehörtem da hineingelegt, ihr Suchen in Geduld
und Ungeduld, die Rückbesinnungen und Brüche, die Wechsel der
Perspektive, die Störungsfälle und Befreiungen, die Erweiterungen der
phonetischen Systeme.

Dass diese Musik „…Sterne schmelzen…“ lässt, wie es Gustave Flaubert
ausdrückt, auch davon können wir hier nicht reden.
Wir können auch nicht über all die Künstler sprechen, die Fotografen und
Maler, die die Vorlagen zu den Covern lieferten, auch nicht über die
Designer und Layouter, die jedes Cover unverwechselbar und einmalig und
einer eigenen Diktion und Präferenz folgend komponierten. Aber Sie
haben heute die Möglichkeit, manche der Vorlagen zu sehen und
beispielhaft den Ursprung und das Entstehen einiger Cover
nachzuvollziehen.

Wir können auch nicht über Manfred Eicher sprechen, über seine Motive
und seine Mission einer sehr eigenen Auffassung von der „ästhetischen
Erziehung des Menschengeschlechts“ – was jetzt für manche Ohren etwas
antiquiert klingen mag.

Darüber also können wir nicht sprechen, aus Zeitgründen und weil drei bis
vier Sätze völlig unangemessen wären und weil wir uns zwischen 1378
Covern irgendwie bewegen müssen, und das ist nicht so leicht.

Diskographik, Album, Cover-Art
Was ich in der Hand halte

Beginnen wir damit, was und wie wir das, worum es gehen soll, in die Hand
nehmen, eine CD mit einer durchsichtigen Zellophanhülle. Wir halten sie in
der Hand, wenden sie und inspizieren die Rückseite, dann öffnen wir die
Verpackung – denn das ist es ja letztlich, womit wir es zu tun haben, eine
Verpackung für etwas anderes –, wir schieben das CD-Case aus dem
Schuber, ziehen das Booklet heraus und lesen darin aufmerksam oder
flüchtig wie in einer Speisekarte, verweilen dabei oder legen behänd das
Heftchen zurück in den Plastikumschlag. Dann legen wir die CD in den
Player und das Eigentliche hebt an…

Schallplattenhüllen, CD-Cases sind funktional betrachtet Verpackung,
Hüllen zur sicheren Aufbewahrung, damit etwas nicht verloren geht,
beschädigt wird, damit sicher ist, was geschützt werden soll.
Geht darin die funktionale Seite dieses Gegenstandes auf? Materiell
gleicht eine Schallplatte der anderen, eine CD anderen Milliarden von CDs.
Das, worin sie sich unterscheiden, sieht man nicht mit bloßen Augen, ist
nicht lesbar. So wird der Unterschied sichtbar gemacht im Layout, in der
Gestaltung des Covers, in der Nennung der Künstler, des Albumtitels, im
Booklet-Design.

Stöbern wir ein wenig in den ECM-Veröffentlichungen, sehen wir uns die
Fotografien an.

Wir sehen ein Cover mit dem Titel „Goodbye“ (1904): eine von Lichtflecken
durchwirkte Wasserfläche, in der Blätter schwimmen; dann ein Bild eines
schwer auszumachenden entgegenkommenden Fahrzeugs, eines Zuges
vielleicht, die Lichter unscharf, so als würde uns ein lichtspeiendes Untier
anspringen wollen, der Titel „Dark Eyes“ (2115); dann ein Cover mit zwei
Männern, einem jüngeren und älteren Künstler am Piano, die CD trägt den
Titel „The Third Man“ (2020). Dann ein Kind mit Mütze, das aus dem
Busfenster in die Kamera blickt, das Album heißt „Open Land“ (1683); dann
ein Cover mit einer grün-gelblichen Fläche, wie von Gotthard Graupners
„Farbraumkörpern“ entlehnt, „City of Brocken Dreams“ (2274); dann einen
Mond hinter zerfetzen Wolken, davor unscharf Laubbäume im Herbstgold,
das Album trägt den Titel „The Gift“ (2322); und dann eine CD mit dem Titel
„The Light“ (2056), aber dort ist kein Licht, sondern nur eine unscharfe
Horizontlinie im nächtlichen Blauschwarz. Wir sehen auf dem Album „The
seven Words“ (1756) einen im Meer treibenden Eisberg, eingetaucht in ein
endzeitrötliches Licht. Wir sehen ein in Sackleinen eingehülltes Kreuz, von
einem Indio auf dem Rücken getragen, Kulturum (1638) heißt die
Veröffentlichung. Das Bugeisen einer venezianischen Gondel, im Wasser
spiegelt sich ein Gebäude der Lagunenstadt, „La Fenice“ (2601)… Und wir
sehen tatsächlich und wirklich nur ein einziges Mal einen Blumenstrauß –
auf der CD „The Melody, At Night, With You“ (1675), einen Blumenstrauß in
schwarz-weiß in einer Vase, aber eigentlich nur seinen Schatten, und mehr
gibt es nicht.

Wir sehen – um allgemeiner zu sprechen – Personen, Künstler,
Naturaufnahmen, Stadtlandschaften, Wolken, Wasser, Wege und Straßen,
Abstraktes und Gegenständliches, Unscharfes, Verschwommenes,
Kontrastreiches, Detailaufnahmen und Grafiken. Wir sehen gänzlich
monochrome Cover mit klarer Typografie, streng zentriert oder
symmetrisch angeordnet, wir sehen eine Bilderwelt, mannigfaltig,
vielgestaltig und unverwechselbar. Lässt sich dabei eine Konstante in den
Covern finden? Gibt es ein Ostinato in der Bilderwelt der ECMVeröffentlichung?
Was meinen Sie?

Schwarzkunst

Bei aller Vielfalt und scheinbaren Leitmotivlosigkeit der Cover erkennen Sie
wie ich zumindest eine Dominanz: eine Neigung zur Farbe Schwarz, die ja
keine Farbe ist. So als ob die 31,5 cm x 31,5 cm, so die Maße eines
Schallplattenhülle, oder die 120 mm x 120 mm einer CD auf den von
Kasimir Malewitsch geprägten Namen „schwarzes Quadrat“ getauft worden
wären. Vielleicht kennen ja einige von Ihnen dieses berühmte Bild von ihm.
Ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Am Rande: Bemerkenswert ist
dessen Genese, verdankt sich doch das „Schwarze Quadrat“ der 1913
entstandenen futuristische Oper „Sieg über die Sonne“, für die es gemalt
wurde. Malewitsch selbst meint dazu, dieses Bild sei „die nackte,
ungerahmte Ikone meiner Zeit…, in ihm sehe ich das, was die Menschen
einstmals im Angesicht des Gottes sahen…“ (zit. nach A. H., Lichtkunst/
Kunstlicht – nach dem Tod der Sonne, S. 53, in: Theologie und Glaube,
1/2015, 105. Jg.).
Ich will hier nur festhalten, dass es eine ursprüngliche Relation zwischen
schwarzem Quadrat und Musik gibt.

Cover – Bild – Text – Musik – Relationen

Das Bild ist kein Text und das Bild ist auch nicht Ton. Alles wird vom Messer
des Verstandes sauber getrennt, um es vermeintlich besser zu verstehen:
Musik, Lesen, Schauen…
Angewandt auf unser Thema:
Hat der Text des CD-Titels oder die Sprache des Bildes die Deutungshoheit
über das später oder gleichzeitig Gehörte in der Musik? Evozieren die
Fotos eine Stimmung, die dann in der gehörten Musik bestätigt wird?
Besteht eine Relation zwischen Cover-Art und der auf dem materiellen
Träger eingekapselten Musik? Ist das Cover die Fassade, eine Alice-Spiegel-
Tür zu diesem sonderbaren Raumzeitgebilde, das die Musik darstellt? Oder
ist es nur das Schlüsselloch dazu? Was meinen Sie?
Ich lasse die Fragen offen und verweise auf eine Vorstellung der
Pythagoreer, die vor mehr als 2000 Jahren die Auffassung vertraten, dass
der ganze Kosmos aus Harmonien bestünde und dass der sichtbare
Kosmos, die Erde, die Sonnen, die Plejaden, jedes Muttermal, alles
Gegenständliche also, uns nur deshalb sichtbar erscheinen, weil wir uns an
dessen Klang gewöhnt hätten und es deshalb nicht mehr h ö r e n
könnten. D.h. alle sichtbare Realität sei ungehörte Musik. Übertragen würde
das bedeuten, jedes Bild, jedes Cover ist Musik, aber keine für uns hörbare.
Wir können den geistesgeschichtlichen Befund, was Musik dem Menschen
war, ist und sein wird, hier nicht weiter ausführen, wir können hier dem
„Nada Brahma“, dem hinduistischen Postulat „Die Welt ist Klang“, hier nicht
weiter auf den Grund gehen. Aber hier findet sich eine Spur…, eine Spur,
der Sie folgen können.
Sloterdijk fragt in einem seiner Essays: Wo sind wir, wenn wir Musik hören?
Ich frage sie, wo sind Sie, wenn sie ein ECM-Cover in Händen halten? Und
ich versuche eine Antwort:
D A V O R, vor der Sternenschmelze, und da ist es sehr still.
Gelegentlich bescheinigt man dem ECM-Layout eine gewisse ästhetische
Kühle. Ich teile diese Auffassung nicht.
Vielmehr sehe ich in den Abbildungen eine ungewohnte Stille. Eine Ruhe,
die sich einstellt und die ich eben „Davor“ genannt habe. Es ist die „Stille
der Welt vor Bach“, so hat es Lars Gustafson einmal in einem Gedicht
formuliert. Diese Stille ist ungehörte Musik, sie erzeugt einen Raum, der die
Ohren öffnen kann. Sie ist das Gegenbild zum lautstarken Einstimmen
großer Orchester, bevor das Musikstück anhebt. Ich sage Gegenbild, ich
könnte auch sagen Andachtsbild. Bei aller Arbeit, Raffinesse,
gestalterischen Kraft und bei allem Kalkül, das hinter jedem einzelnen
Cover steckt, sage ich es nochmals, ein Andachtsbild für das, was das
schmerzloseste Glück vielleicht ist: nämlich die Musik.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Andreas Hochholzer

fair fashion JEEIngolstadt | Janina Ebner von Eschenbach ist mit ihrer fair fashion Designer-Mode die neue Mieterin im Pop-Up-Store in der Theresienstr. 13. Gerade in den Zeiten in denen sich die Skandale in der Textilindustrie mit ihren vielen vermeintlich seelenlosen Modeketten, die in Fernost produzieren lassen, häufen, gewinnt das Thema nachhaltige Mode immer mehr an Bedeutung. Eleganz und Luxus fühlen sich nur gut an, wenn auch die Produktionskette stimmt, eben dann wenn keine Tiere, Arbeiter oder Landschaften dafür ausgebeutet wurden. „Sustainable Fashion“ hat jedoch leider teilweise den fahlen Beigeschmack, in Punkto Style schlecht abzuschneiden. Bei der Mode, die die junge Fashionexpertin Janina Ebner von Eschenbach seit Kurzem im Pop-up-Store „zeit[t]raum“ unter dem Label „Studio j.EE“ verkauft, ist das anders. Sie bringt einen Conceptstore für faire Beachwear, Resortwear und Loungewear von den Küsten der Welt nach Ingolstadt.


Die Klamotten, werden teils von ihr und ihrer Mutter selbst designt, teils von anderen Labels aus Australien, den USA oder Bali bezogen. Hierbei steht neben der Nachhaltigkeit das stylische Design im Vordergrund. „Ich lege besonderen Wert darauf, dass die Produkte durch ihre hervorragende Qualität in die nächste Generation weiter gegeben werden können“, sagt die engagierte Jungunternehmerin. So wird naturreinste Kaschmir-, Yak- oder Kamel-Wolle direkt aus der Mongolei, die frei von jeglichen schädlichen Farbstoffen ist, zu edlen Lieblingsstücken verarbeitet. Kurzum: der Laden ist ein Paradies für luxuriöse Fashion- und Lifestyleprodukte für Damen, Herren und Kids.

Nachhaltige Mode mit Stil

Um dieses Fashionkonzept in Ingolstadt zu testen, eignet sich der Pop-up-Store „zeit[t]raum“ bestens, da sich Existenzgründer und Jungunternehmer hier zu vergünstigten Konditionen und geringem Risiko ausprobieren können, bevor sie sich dauerhaft stationär binden. Der Laden ist Teil der Initiative Cityfreiraum, die vom Innenstadtverein IN-City, dem Existenzgründerzentrum und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft IFG angeboten wird, um kreativen, engagierten Persönlichkeiten den Weg in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Wenn auch Sie Lust haben, sich selbstständig zu machen, auf www.cityfreiraum-ingolstadt.de informieren.

 

(Foto: IFG/Binder)

Beate Diao Engert 348Ingolstadt | Beate Diao zeigt noch bis 14. Oktober eigene künstlerische Arbeiten im Rahmen der Ausstellungsreihe KUNSTSTÜCKE des BBK Ingolstadt und Nordbayern. Es geht um die Schönheit von Flora, Fauna, Mikrokosmos, die Künstlerin hebt ab auf Strukturen und Ornamentik. Besonders faszinieren die Künstlerin offensichtlich Gehirne, Kraken und Insekten, deren Ästhetik sie wirkungsvoll herausstellt. Einen eigenen Raum nehmen politische Themen wie Klimawandel, Krieg und Zerstörung ein. Eine stimmige, ansprechende und berührende Bilderschau, mit Themenreihen als spannenden Facetten.

Beate Diao ist öffentlich vor allem als künstlerische Leiterin der Kunstschule „Kunst- und Kulturbastei“ präsent, die junge Menschen für außergewöhnliche Kunstprojekt begeistern kann und diese großformatig und gerne im öffentlichen Raum umsetzt. Ein Exkurs zur Kunstvermittlerin und Kulturmanagerin Beate Diao lag bei der Ausstellungseröffnung daher nahe, auch wenn es an diesem Tag – eigentlich - um die Künstlerin ging. Beate Diao sei eine Macherin, die auch sehr komplexe Ideen umsetzen könne, eine geborene Vernetzerin, eine Antreiberin, die (ihn) immer wieder überzeugen konnte, wenn (finanzielle) Rahmenbedingungen geschaffen werden mussten, um jungen Menschen die Arbeit mit Kunst, Musik, Theater, Mode und mit professionellen Kunstschaffenden zu ermöglichen. „Und sie ist hartnäckig“, bekannte Kulturreferent Gabriel Engert lachend bei seiner Begrüßung, die dann doch eine fulminante und verdiente Laudatio für die Kulturarbeiterin Beate Diao wurde. Seit der Gründung ihrer Kunstschule, vor zwölf Jahren noch in der eigenen Garage in Ringsee, realisierte Diao oftmals ungewöhnliche Projekte mit Kindern und Jugendlichen. Die Erweiterung um die Bereiche Musik, Theater, Stelzengang, Mode kam mit dem Einzug in die Harderbastei, die damit zur „Kunst- und Kulturbastei“ wurde. Diao brachte „urban knitting“ und 3 D- Illusionsmalerei auf die Plätze Ingolstadts, schickte die stromlos-Bigband durch die Straßen. Die Reithalle im Klenzepark hat Diao eigenhändig, natürlich immer zusammen mit vielen anderen, wie sie stets betont, von der Decke bis zum Boden in schwarzen Bühnenmolton gehüllt, als sie 2011 ihr bisher wohl spektakulärstes Kunstprojekt „Galaktisch: Expedition ins All“ umsetzte. Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche, 100 Schulen, Museen, Firmen und Kunstakteure, selbst ein echter Astronaut wirkten mit, um ein Universum aus Fantasie und Schwarzlicht zum Leuchten zu bringen. Er sei heute noch beeindruckt, so der Kulturreferent. Viel Applaus für diese schöne öffentliche Würdigung und für die Kunst- und Kulturfrau in der gut besuchten Harderbastei.

Der Künstlerin Beate Diao wandte sich der BBK-Vorsitzende Werner Kapfer zu. Er begründete die ästhetische und künstlerische Qualität der Werke. „Kunst kann schön sein, sie muss es nicht. Aber sie muss berühren und eigene Gedanken anregen, das erwarten wir von guter Kunst.“ Kapfer betonte die Disziplin und das planvolle Vorgehen, die gerade für die Schnitttechniken wichtig seien. Von der Bildidee zum ersten Schnitt in Holz, Linoleum oder Papier brauche es genaue Planung und einen intensiven Klärungsprozess vorab. „Auffallend ist ihre von Sorge geprägte Wahrnehmung politischer Entwicklungen“, zeigt sich Kapfer selbst sehr bewegt von den Werken, die Diao im Nebenraum versammelt hat. Plakativ setzt sie den „Hassprediger“ in Szene – einen ganzen Tag hat sie gezielt Wörter gesammelt, die negativ, ungerecht, bedrohlich sind. Erschreckend bekannt sind uns Sprache und Gesichtsausdruck des Fanatismus. „Danach ging es mir erst einmal nicht gut.“, beschreibt sie selbst die Intensität dieser Auseinandersetzung. Berührend sind die Scherenschnitte von spielenden Kindern in der harmlosen Anmutung, die wir aus Poesiealben kennen. Die Bomben in diesen Bildern wirken kurz wie ein dekoratives Muster. Bedrohungen, die uns selbst nur in den Nachrichten, im entfernten Leben anderer Menschen begegnen. Die wir wegschalten können, wenn es uns zu viel Terror und Gewalt wird. Die Beate Diao festhält. Kindergesichter gezeichnet vom Leid des Krieges zeigt sie neben einem Frauengesicht mit dem schmerzlichen Ausdruck der Enttäuschung über ein verlorenes Fußballspiel. Diao hat sich mit Schmerz auseinandergesetzt, Bilder gesucht und geschaffen – Gesicht für Gesicht, Schnitt für Schnitt in das Linoleum. Wegschalten geht hier nicht, diese ruhigen Bilder bleiben. Folgen des Krieges auch in der Zeichnung „Homs – eine Stadt in Auflösung“. In feinsten Punkten hat die Künstlerin über viele Monate hinweg das Bild der zerstörten, syrischen Stadt nachgezeichnet. Punkt für Punkt für Punkt. 200.000 mal. Als würde sie jedes einzelnen Menschen gedenken …

Es gibt auch die helle Seite. Die Künstlerin selbst ist fasziniert von der Ästhetik der Ordnung, die sie in Flora und Fauna findet. Sie zeigt uns diese Faszination. Sie sucht die Schönheit von Kraken, Quallen, Insekten oder Pflanzen. Gehirnstrukturen oder die Iris des Auges – das interessiert und inspiriert sie. So ergibt sich eine starke, fast schon spirituelle Ornamentik, wenn sie Käfer symmetrisch anordnet. Die Schönheit von Ordnung beruhigt, heilt vielleicht sogar, täte der Welt gut, weiß Beate Diao. Herrlich abgedreht dagegen die Pilze die aus einem Gehirn wachsen. Unerwartet das Stück Kabel, das wie eine Prothese den Tentakel eines Oktopoden ersetzt. Eine kleine Serie ist der Harderbastei gewidmet – „fast schon meine zweite Heimat“. Die thematischen Bilderpaare die mit „Klimawandel“ oder „Wem gehört das Wasser“, betitelt sind, laden erst zum Hinsehen ein und dann zu kritischen Gedanken. Die freundliche Pusteblume auf lichtem Himmelblau und der schöne rote Klatschmohn sind auch ein solches Bilderpaar. Es heißt „Unkraut“.


"Kunststücke" von Beate Diao noch bis Sonntag, 14. Oktober in der Harderbastei, Oberer Graben 55.
Geöffnet von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 18 Uhr.

www.beate-diao.de | www.kunstundkulturbastei.de | www.bbk-ingolstadt.de |

 

Der Kulturkanal Ingolstadt mit Interview und Bericht | hier Beates Diao ästhetisches Universum

 

Wichtiges Bild Beate Diao portrait vor AchtungKultur 700

Beate Diao

2018 | Einzelausstellung „Kunststücke“
2013 - 2018 | Ausstellungsbeteiligungen: Konflikt – Der Zweck des Gemetzels, Kap 94 ; Frankenstein 4.0, BBK Ingolstadt und Bayern; Kunstmesse Ingolstadt „Glaube“ BBK- Ausstellung im Rathausfletz Neuburg/Donau; „Kunst deines Nachbarn“, Städtische Galerie Pfaffenhofen; „Hand und Kunst“ , Kulturgeschichte der Hand in Wolnzach; Stadtgestalt-Geschichte-Vision“ des BBK Ingolstadt
2015 | Wahl zur 2. Vorsitzenden des BBK Obb. Nord und Ingolstadt
2012 | Bühnenbild Stadttheater Ingolstadt „Frau Weiß sieht rot“

2010 | Gründungsmitglied des Vereins „Künstler an die Schulen e.V. |

2006 | Gründung der privaten Kinder- und Jugendkunstschule „Kunst und Kultur Garage“, seit 2013 als Verein „Kunst und Kultur Bastei e.V.“ und Erweiterung von Bildender Kunst auf die Bereiche Stelzenperformance und Theater, Modedesign und –schneiderei, Musik. Bis heute künstlerische Leitung und Durchführung zahlreicher Kunstprojekte mit Kindern und Jugendlichen. #stromlos #streetartig #farblos #pop-up art piano #galaktisch

2001 | Aufnahme im Berufsverband Bildender Künstler - BBK Obb. Nord und Ingolstadt
1997 - 99 | Ausstellungsbeteiligungen im Gläsernen Elefanten Maximilianpark Hamm | „Bayerische Kunst unserer Tage“ in Bratislava, Slowakische Nationalgalerie | Gruppenausstellung in der MVA Ingolstadt „Ingolstadt liegt an der Donau, Bratislava auch“ mit Publikumspreis | Einzelausstellung „HolzArt“ Galerie im Bürgerhaus Ingolstadt | Freie Mitarbeit in der Künstlergruppe „Il Conventino“ Florenz
1996 | Abschluss der staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauerei in München | 1.Preis der Dannerschen Kunstgewerbestiftung
1995 bis heute | Mitarbeiterin Organisationteam der Ingolstädter Jazztage
1990 | Staatliche Fachoberschule Augsburg, Ausbildungsrichtung Gestaltung
1970 | geboren in Ingolstadt

 

 

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Bilder ©K10 | Petra Kleine

Freitag, 21 September 2018 12:41

Kulturpreis für Walter Haber

walter haber 348Ingolstadt | Der Kulturpreis der Stadt Ingolstadt geht in diesem Jahr an Walter Haber. Damit würdigt die Stadt die besonderen kulturellen Verdienste einer Persönlichkeit und eines unermüdlichen Kämpfers für die Musik und Kultur, der aus dem Ingolstädter Kulturleben nicht wegzudenken ist. Übergeben wird der Kulturpreis an Walter Haber am Donnerstag, 22. November, um 18 Uhr im Historischen Sitzungssaal des Alten Rathauses durch Oberbürgermeister Christian Lösel.

Seit über vierzig Jahren engagiert sich Walter Haber im Ingolstädter Kulturleben und hat dabei wichtige Akzente gesetzt. Er hat über 4.000 Gastspiele organisiert mit schätzungsweise 500.000 Besuchern. Dabei betreute er bekannte Künstler aus der ganzen Welt, wie z.B. Pat Metheny, Jan Garbarek, Georg Danzer, Rio Reiser, Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt, Roger Willemsen, Pippo Pollina, Helge Schneider und viele mehr.

Der langjährige Betreiber der Kleinkunstbühne Neue Welt ist seit 1970 als Konzertveranstalter aktiv und war bereits während seiner Studienzeit für die Förderband Musikinitiative e.V. tätig. Nach und nach kamen dank seines Engagements immer bedeutende Musiker nach Ingolstadt, angefangen bei Gitarrenstar Werner Lämmerhirt bis zu Konstantin Wecker. 1983 übernahm er die Kleinkunstbühne Neue Welt, engagierte wöchentlich neue Künstler für die Bühne und entwickelte Konzertreihen wie das Ingolstädter Bluesfest „BLUES AND MORE“, das in Insiderkreisen, dank der besonders innovativen Programmgestaltung, hohe Anerkennung genießt.

Die Ingolstädter Kabaretttage sind zu einem der bedeutendsten Festivals für das Genre geworden. Es ist einzigartig im Süddeutschen Raum, dass mit dem Programmpunkt „Ösi-Special“ Kabarettisten aus dem Nachbarland in den Mittelpunkt gerückt werden und bekannte Namen wie Josef Hader, Willy Restarits oder Thomas Stipsits so ihren Weg nach Ingolstadt gefunden haben.

1985 inszenierte der gebürtige Ingolstadter und heute in Reichertshofen lebende 67-jährige Walter Haber zusammen mit Peter Volkwein die ersten Ingolstädter Jazztage. Bei deren Neuanfang 1996 war er ebenfalls maßgeblich beteiligt und ist seitdem als Berater und Betreuer im Veranstaltungsbereich tätig.

Von Anfang an begleitete Walter Haber auch andere Festivals und half inhaltlich als auch organisatorisch bei deren Durchführung, so zum Beispiel bei den Künstlerinnentagen „Der Oktober ist eine Frau“ oder als Initiator der „Ingolstädter Musikszene“, eine Reihe, die jungen Musikern jahrelang eine Plattform bot.

walter haber stufen

Die von ihm geschaffenen Veranstaltungsreihen in der Neuen Welt sind legendär, „America – the beautiful“ eine Reihe, die ab 1994 US-Bands präsentierte als es den Genrebegriff Americana noch gar nicht gab – prominentester Musiker der Reihe war Townes van Zandt, der sein letztes Deutschlandkonzert nur wenige Wochen vor seinem Tod in der Neuen Welt spielte. Es gab die erfolgreiche Reihe „Highlights-Große Namen in kleinem Rahmen“ (eine Vorwegnahme der Weltmusikbewegung), die „Frauenkopfbälle“, die „Acoustic Guitar Nights“, „Aufgspuit wird – Volksmusik neu aufgemischt“...
Nie einem Trend hinterherlaufend, sondern meist als Trendsetter war Haber in der Szene bekannt und hatte das Know-how und das Netzwerk, um Agenten, Künstler und Bands für einen Auftritt in Ingolstadt zu begeistern.

Das Bayerische Fernsehen würdigte den unermüdlichen Impulsgeber mit einem 45-Minuten Porträt im Jahr 2001 unter dem Titel „Kulturmacher“. Aufzeichnungen etlicher Konzerte des BR in der Neuen Welt sowie die Verleihung des Eichstätter Kulturpreises 2010 für die Verdienste um das dortige Kulturleben, würdigten den bedingungslosen Einsatz von Walter Haber.

Die Stadt Ingolstadt verleiht in abwechselndem Rhythmus den mit 6.000 Euro dotierten Kulturpreis. Mit dieser Auszeichnung werden Personen geehrt, die in besonderer Weise das Kulturleben der Stadt bereichert haben. Walter Haber hat diesen Preis bereits 1997 stellvertretend als Sprecher für die Förderband Musikinitiative e.V. erhalten. Es folgte 2002 die Audi AG, 2004 Hubert Klotzeck für den Kunstverein e.V., 2006 wurde der Preis zweimal verliehen, an Dr. Siegfried Hofmann und Dr. Theodor Straub. Zuletzt erhielt Eva-Maria Atzerodt 2016 diese Auszeichnung.
Der Preis wird in diesem Jahr zum neunten Mal verliehen.

 

Fotos: Claus Woelke | Pressemitteilung Stadt Ingolstadt

logosIngolstadt | Regensburg | Bad Berneck | Gemeinsames Positionspapier bayerischer Akteurs-Netzwerke der Kultur- und Kreativwirtschaft zur Förderung der Branche in der kommenden Legislaturperiode (2018-2023) des Freistaates Bayern |


Ausgangslage | Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern

Die Kultur- und Kreativwirtschaft zählt zu einem stark wachsenden und dynamischen Wirtschaftsbereich in Deutschland. Gemäß dem Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2012 der Bundesregierung hat die Branche im Jahr 2012 ca. 143 Milliarden Euro umgesetzt und erreicht damit ähnliche Größenordnungen wie die Branchen Automobil, Maschinenbau, Energie und Chemie. Jedes 13. Unternehmen gehört in Bayern zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Diese rund 40.000
Unternehmen erzielten einen Umsatz von über 30 Mrd. Euro. Damit wird mehr als jeder fünfte Euro des Umsatzes der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern erwirtschaftet – und jedes fünfte deutsche Unternehmen diese Art ist in Bayern ansässig.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist auch für den bayerischen Arbeitsmarkt von großer Bedeutung. Mit über 200.000 Erwerbstätigen liegt sie nur knapp hinter den Leitbranchen Automobilindustrie und Maschinenbau. In Oberbayern mit der Landeshauptstadt München arbeitet sogar jeder dritte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in dieser Branche. Abgesehen von dieser “natürlichen” Konzentration in der Metropolregion ist die Kultur- und Kreativwirtschaft in allen bayerischen Regionen verteilt. Die Entwicklung geht weiter nach oben; die Branche entwickelt sich sehr dynamisch – und in Bayern noch schneller und stärker als in anderen Bundesländern. Leider gibt es dazu keinen aktuellen Bericht der Landesregierung mit konkreten Zahlen, was die Branche sehr bedauert. Typisch für die  Struktur der Kultur- und Kreativwirtschaft ist die hohe Anzahl an Kleinstunternehmen und Freiberuflern. Diese Struktur führt zu Problemen etwa bei dem Zugang zu Finanzierung, der Erschließung überregionaler Märkte oder auch bei der Vernetzung mit Unternehmen klassischer Wirtschaftsbranchen. Zur Kultur- und Kreativwirtschaft gehören die elf Teilmärkte: Architektur, Buchmarkt, Designwirtschaft, Filmwirtschaft, Kunstmarkt, Darstellende Künste, Musikwirtschaft, Pressemarkt, Rundfunkwirtschaft, Software-/Games-Industrie, Werbemarkt sowie ‚Sonstige’, ein Sammelbegriff für Innovationsbetriebe, die sich nicht einem spezifischen Teilmarkt zuordnen lassen.

Die drei Branchen-Akteurs-Netzwerke auf Landesebene

Die bayerischen Akteurs-Netzwerke Forum Kreativwirtschaft Regensburg e.V., das Kreativunternehmer-Netzwerk Fichtelgebirge KÜKO e.V. und das freie Akteurs-Netzwerk Ingolstadt haben es sich zur Aufgabe gemacht, als Multiplikator für eine aufstrebende Bayerische Kultur- und Kreativwirtschaft einzutreten. Dabei spielt die Vernetzung der Akteure untereinander und die Vernetzung zu den anderen Wirtschaftszweigen eine herausragende Rolle. Leistung, Angebot und Wert der Branche können so einer breiten Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Seit Juli 2018 arbeiten die drei Akteurs-Netzwerke auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages noch enger auf Landesebene zusammen und stehen kurz vor der Gründung eines Landesverbands Kreativwirtschaft.

Forderungen an die Landesregierung des Freistaates Bayern

1. HANDLUNGSSTRATEGIE
Es muss eine Handlungsstrategie zur Unterstützung der Kultur- und Kreativwirtschaft für die kommende Legislaturperiode ausgearbeitet werden. Hierfür ist es sinnvoll, eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit den drei bayerischen Akteurs-Netzwerken – und weiteren, wenn sie gegründet werden – anzusetzen.

2. EIN EIGENES REFERAT IM WIRTSCHAFTSMINISTERIUM
Zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Bayern ist es zwingend notwendig, wieder eine zentrale Anlaufstelle für die Kultur- und Kreativwirtschaft Wirtschaftsministerium des Freistaates zu schaffen – so wie bereits gehabt. Das gab es bereits mit einer Leiterin des Referats für Kultur- und Kreativwirtschaft, Design; ihre Stelle wurde jedoch nicht nachbesetzt. Dabei muss vor allem Wert darauf gelegt werden, dass diese zentrale Anlaufstelle die Belange der Branche selbst kennt und aus dieser heraus niederschwellig und in der Fläche agiert. Nur so kann eine nachhaltige und zielgerichtete Arbeit der Anlaufstelle gesichert werden, die in der bayerischen Fläche Kontaktstellen realisiert, auch so Verfügbarkeiten und Angebote flächendeckend möglich macht und dadurch auch vor Ort standortfördernd wirken kann. Ziel sollte hier die sinnvolle Vernetzung der bestehenden Branchenverbände mit den Akteurs-Netzwerken sein. Als Wissensträger und Ansprechpartner stehen hier die bereits bestehenden Akteurs-Netzwerke bereit; mit entsprechenden Landesmitteln wären sie auch in der Lage, Regionen ohne Ansprechpartner entsprechend zu entwickeln und zu begleiten.

3. GEZIELTE FÖRDERUNG
Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine junge Industrie voller Innovationskraft und stellt klassischen Industrieunternehmen und Produzenten wertvolle Arbeitsgrundlagen insbesondere auf dem Gebiet der Wissensgenerierung, -prozessierung und -kommerzialisierung zur Verfügung. Die Diversität der Branche ist dabei ein großer Vorteil. Eine gezielte Förderung der Branche ist deshalb für den Wirtschaftsstandort Bayern von großer Bedeutung. Im Rahmen der gegenwärtigen Förderstrukturen wird eine entsprechende Unterstützung der Gesamtwirtschaft jedoch nur unzureichend bedient. Daher fordern wir geeignete Förderinstrumente, die auf die Spezifika der Kultur- und Kreativwirtschaft abgestimmt sind:
• Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel zur Standortförderung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern
• Zugang zu Fördermitteln für Projektentwicklungsprozesse im ländlichen Raum, um lokale Zentren in der Fläche zu ermöglichen
• Erweiterung des bestehenden technologiekonzentrierten Innovationsbegriffs für Förderrichtlinien um die besonderen Dienstleistungen der Kultur- und Kreativwirtschaft
• Ausbau von entsprechenden Bildungseinrichtungen/Hochschulen und Bachelor- bzw. Masterstudiengange in der Fläche, um so die jeweilige Standortattraktivität zu erhöhen und späteren Wegzug von Fachkräften zu minimieren
• Finanzielle Beteiligung an Kreativzentren in der Fläche, die gezielt klassische Wirtschaftsbranchen mit Unternehmen der Kreativwirtschaft „unter einem Dach“ vereinen, um zukunftsfähige Synergien und Innovation (und damit Arbeitsplätze!) zu ermöglichen
• Regelmäßige und repräsentative Datenerhebungen zur Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft, um die Potenziale herauszuarbeiten und nachhaltig verbessern zu können – unter Einbeziehung von Kleinstunternehmen unter der Umsatzgrenze von 17.500 Euro
• Förderung von bezahlbarem Raum (Büros, Coworking Spaces, Ateliers,Zwischennutzungsmodelle und klassische Immobilien) für Akteure der Branche als Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg in Bayern
• Unterstützung der unternehmerischen und wirtschaftlichen Professionalisierung der Branche (unter Berücksichtigung der spezifischen Gegebenheiten der 12 Teilmärkte) durch finanzielle Mittel oder Förderprogramme, um von meist wenig zielführenden IHKProgrammen weg und hin zur Wirtschaftsförderung zu kommen; sinnvoll ist hier die organisatorische Einbeziehung der bestehenden Akteurs-Netzwerke
• Übernahme einer sichtbaren Impulsgeber-Rolle der Landesregierung in regionale Verwaltungen und kommunale Anlaufstellen

Regensburg, Ingolstadt und Bad Berneck, 20. Juli 2018

ANSPRECHPARTNER

Forum Kultur- und Kreativwirtschaft Regensburg e.V.
Branchenverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Regensburg und Umgebung
Carola Kupfer, 1. Vorsitzende
Wahlenstr. 17
93047 Regensburg
T 0171-3411682
W https://www.forum-kreativwirtschaft.de/de/
E Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Freies Akteurs-Netzwerk Ingolstadt
Branchenverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Ingolstadt und Umgebung
Sigrid Diewald
Harderstr. 22
85049 Ingolstadt
T 0841 14281-10 und 0151 41811423
W www.schnellervorlauf.de www.studiofamos.de
E Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Künstlerkolonie Fichtelgebirge KÜKO e.V.
Kreativunternehmer-Netzwerk im Fichtelgebirge
Sabine Gollner, 1. Vorsitzende
Maintalstr. 123
Bayerische Kultur- und Kreativwirtschaft – Positionspapier zur Förderung der Branche in der
Legislaturperiode 2018 – 2023
Seite 4 von 4
95460 Bad Berneck
T 09273-9668670 und 01578-2239265
W www.kueko-fichtelgebirge.de
E Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

KUK 348 netzwerke unterzeichnungIngolstadt | Regensburg | Bad Berneck | „Dass Kreativwirtschaft irgendwie cool ist und einem Standort oder einer Region einen zusätzlichen Glanz verleiht, ist mittlerweile angekommen, “ fasst Sigrid Diewald die Initiative bayerischer Kreativ-Netzwerke zusammen, die jetzt in Ingolstadt ein gemeinsames Positionspapier unterzeichnet haben. Woran es fehle in Bayern fehle, so Diewald, sei konkrete, sinnvolle und nachhaltige Unterstützung.

Gemeinsam fordern die drei bayerischen Netzwerke - das freie Akteurs-Netzwerk aus Ingolstadt, das Kreativunternehmer-Netzwerk KÜKO e.V. aus Oberfranken und das Forum Kreativwirtschaft e.V. aus Regensburg - daher bessere Förderung durch die Staatsregierung. Sie werden künftig verstärkt gemeinsam für die bayerische Kultur- und Kreatviwirtschaft eintreten und im aktuellen Landtagswahlkampf auch Wahlprüfsteine aufstellen.

Hintergrund für die landesweite Kooperation, die am 3. Juli in Rahmen des monatlichen Netzwerktreffens der Kreativwirtschaft in Regensburg bekannt gegeben und in Ingolstadt offiziell unterzeichnet wurde, ist die beunruhigende Veränderung in der Landespolitik. Einen herben Schlag hatte die Staatsregierung der Kultur- und Kreativwirtschaft nach der Kabinettsumbildung der bayerischen Kreativwirtschaft versetzt: Statt wie bislang die Aktivitäten gebündelt im Wirtschaftsministerium anzusiedeln, sind die Zuständigkeiten seit März völlig zerfasert. Wichtige Branchensegmente kommen gar nicht mehr vor. Ein Zusammenschluss der bayerischen Akteurs-Netzwerke fordert nun, dass die Staatsregierung sich zu ihrer Verantwortung bekennt. „Vor dem Hintergrund, dass der Beitrag der Kreativwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt noch vor der chemischen Industrie und der Energieversorgung liegt, ist diese stiefmütterliche Behandlung völlig unverständlich“, ärgert sich Carola Kupfer (Foto 4. v. li.), Sprecherin des neuen Zusammenschlusses, aus dem freien Akteurs-Netzwerk Ingolstadt, dem Kreativunternehmer-Netzwerk KÜKO e.V. aus Oberfranken und dem Forum Kreativwirtschaft e.V. aus Regensburg . Bei dem Treffen in Ingolstadt wurde daher nicht nur eine landesweite Kooperation vereinbart, die – wie in anderen bayerischen Wirtschaftszweigen längst Standard – stärkere Vernetzungen mit erheblichem Mehrwert für alle beteiligten Kreativschaffenden bringen soll, sondern auch ein entsprechendes Positionspapier verabschiedet. Vorbild ist dabei das sächsische Modell, das aus der Branche für die Branche aktiv ist und dabei Wirtschaftsförderung auf Landesebene erfolgreich gestaltet.

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Zur Erinnerung: Im Jahr 2009 gab die Bundesregierung über das Büro für Kulturwirtschaftsforschung erstmals eine Studie zur Kultur- und Kreativwirtschaft in Auftrag, die erstaunliche Ergebnisse zutage brachte. So stellte sich beispielsweise heraus, dass der Beitrag der Branche zum Bruttoinlandsprodukt in ihrer Gesamtheit mit den Segmenten Architektur, Buch, Film, Design, Werbung, Musik, Computer & Games, Darstellende Kunst, Bildende Kunst, Rundfunk und Fernsehen, Presse und Sonstiges noch vor dem der chemischen Industrie und der Energieversorger lag. Folgerichtig entschied sich das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie dazu, fortan jährlich einen Monitoring-Bericht über den Status der Branche im gesamtwirtschaftlichen Kontext zu veröffentlichen und sie gezielt zu fördern. Das Ergebnis war eine Art Weckruf in Deutschland: Überall taten sich Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft zusammen, bildeten Netzwerke, gründeten Vereine und – im Idealfall – prosperierende Kreativzentren. Und dort, wo die Branche sichtbar wurde, blieb der Erfolg nicht aus. Neue Arbeitsplätze, Firmengründungen und spannende Kooperationen mit traditionellen Wirtschaftsunternehmen gehören ebenso dazu, wie wichtige Impulse für Standortattraktivität und Bildungslandschaften. Kurz: Mit der Emanzipation der Kreativwirtschaft ist es gelungen, einen wichtigen deutschen Innovationsmotor sichtbar zu machen und seine Potenziale bewusst zu entwickeln.

Gemeinsame Identität der Kreativ-Branchen ist entscheidend

Umso erstaunlicher ist es, dass trotz der klaren Richtung der Bundesregierung ausgerechnet Bayern, dessen Landeshauptstadt sich immerhin ein erfolgreiches Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft leistet, seit kurzem eigene Wege geht, die von den Akteuren zwangsläufig mit Besorgnis gesehen werden. Knackpunkt ist die organisatorische und politische Zersplitterung einer Branche, deren so wichtiges Branchenverständnis gerade erst entstanden ist. Während sich regional Netzwerke, Vereine und Cluster bilden und überregional Kooperationen eingehen, während deutschlandweit mit Unterstützung des Bundes sogar ein Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft seine Arbeit aufgenommen hat, steuert die Bayerische Landesregierung heftig dagegen. „Für die vielen bayerischen Akteurs-Netzwerke, die in den Kommunen teilweise gut mit den Ämtern für Wirtschaftsförderung zusammenarbeiten, ist das ein großer Rückschritt“, fasst Sigrid Diewald vom Ingolstädter Akteurs-Netzwerk das Unverständnis der Betroffenen zusammen. „Die Identität als Branche ist ein entscheidender Faktor für Lobbyarbeit und wirtschaftlichen Erfolg.“

Konkret zeigt sich der bayerische Gesinnungswandel in einer neuen Zuordnung der Zuständigkeiten: War die Kultur- und Kreativbranche bislang sinnvollerweise unter dem Dach des Wirtschaftsministeriums mit einem eigenen „Referat für Kultur- und Kreativwirtschaft“ angesiedelt, wurde sie nun – ohne Rücksprache mit den Akteuren – auf verschiedene Referate aufgeteilt. So unterstehen die Segmente Film, Software & Games und Rundfunk plötzlich der Abteilung P für Digitales und Medien direkt in der Staatskanzlei. Im Wirtschaftsministerium hat man die Kompetenzen dezentralisiert: Während sich das Referat Innovation in Abteilung IV – Innovation, Forschung, Technik, Digitales – nun um Design, Architektur und Werbemarkt kümmern soll, hat das Referat 45 – Luft, Raumfahrt und Mobilität – die Aufsicht über das Bayerische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft, kurz bayern kreativ, übernommen. Alle anderen Segmente der Kreativwirtschaft, also Buchmarkt, Musikwirtschaft, Darstellende Kunst, Bildende Kunst, Pressemarkt und Sonstiges, tauchen im Organisationsplan der Staatsregierung gar nicht mehr auf; das zuvor zuständige Referat existiert nicht mehr.

Zersplitterung der Kompetenzen in Bayern

„Es stellt sich für uns natürlich die Frage, warum die bayerische Landesregierung diesen Weg eingeschlagen hat“, wundert sich Carola Kupfer, die auch dem Regensburger Verein Forum Kreativwirtschaft vorsteht. „Sinn ergibt das unserer Meinung nach jedenfalls nicht, im Gegenteil: Dieses gezielte Ausbremsen einzelner Segmente der Kreativwirtschaft dürfte sich negativ auf das Selbstverständnis der gesamten Branche, auf deren Organisationsstrukturen und damit Wirtschaftsleistung auswirken – regional und landesweit. Denn gerade durch das Zusammenwirken der zuvor sehr heterogen arbeitenden Teilsegmente sind innovative und förderungswürdige Strukturen entstanden, die so mittelfristig wieder ausgehebelt werden. Für uns ist diese bayerische Alleingang daher eine völlig unverständliche Entwicklung.“

Dass sich die bayerische Landesregierung seit jeher schwer mit den Bedürfnissen der Kultur- und Kreativwirtschaft tut, beweisen bislang enttäuschende Initiativen wie bayern kreativ. Der positive Impuls, der ursprünglich durch die „Anlaufstelle für alle Künstler, Kultur- und Kreativschaffenden in Bayern“ gegeben werden sollte, versandet derzeit in der Fläche. Sichtbar und messbar wird das an der Tatsache, dass die top-down initiierten bayern kreativ-Angebote bereits erfolgreich agierende Akteure der Kreativwirtschaft nicht interessieren. Lediglich Aktionstage und Erstberatungen für Studienabgänger oder (Quer-)Einsteiger in die Branche werden wahrgenommen – eine Aufgabe, die nur einen Bruchteil des eigentlichen Anspruchs abdeckt und häufig im zweiten Schritt ratlose Akteure zurücklässt. Die bereits bestehenden Akteurs-Netzwerke und Kreativunternehmen werden von bayern kreativ nicht eingebunden, ihre konkreten (wirtschaftlichen) Ziele nicht berücksichtigt. Sinnvolle und zielgerichtete Wirtschaftsförderung oder Nachhaltigkeit in der Fläche sieht definitiv anders aus.

Dennoch lässt sich der bayerische Staat bayern kreativ eine ordentliche Fördersumme kosten. Wofür der Etat von einer Million Euro im Jahr bislang ausgegeben wurde, ist nicht nachvollziehbar – bei den Akteuren ist bislang wenig angekommen. Wünschenswert wäre in Zukunft ein Weg, der die bestehenden Akteurs-Netzwerke als Wissensträger aktiver einbezieht, das Angebot am tatsächlichen Bedarf orientiert und insgesamt transparenter im Umgang mit Fördergeldern agiert.

"Ein verbindlicher Ansprechpartner und Budget für Projekte"

„Was wir brauchen“, erläutert Sabine Gollner, Vorsitzende von KüKo e.V., „ist ein verbindlicher Ansprechpartner in der Landesregierung, der die Besonderheiten und Stärken dieser sehr heterogenen Branche begreift. Er muss die Chancen erkennen, die in kreativen Ideen als Motor für innovative Entwicklungen stecken. Aktionismus nützt hier nicht; es geht um konkrete Projekte, die mittel- und langfristig Sicherheit und Perspektive bieten. Und für diese Projekte brauchen wir Budget!“

In Regensburg und Ingolstadt war man sich jedenfalls einig, bei der Landesregierung nachzuhaken. Die bevorstehenden Landtagswahlen im Herbst wollen die Vertreter der unterschiedlichen Akteurs-Netzwerke dazu nutzen, um mit den Kandidaten zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen. Schließlich geht es letztendlich um Arbeitsplätze auch in strukturschwächeren Gebieten, um zukunftsfähige Kreativunternehmungen, die Strahlkraft besitzen und ganze Regionen attraktiver machen – und um Standortförderung durch interessante Bildungseinrichtungen und berufliche Perspektiven. „Nun geht es darum, konkrete, sinnvolle und nachhaltige Förderung und Unterstützung zu bieten – und hier ist die Landesregierung gefragt.“ unterstreicht Sigrid Diewald.

Das POSITIONSPAPIER kann man hier lesen oder einfach den pdf-Anhang downloaden.

Ansprechpartner für weitere Informationen/Rückfragen:

Freies Akteursnetzwerk Ingolstadt
Sigrid Diewald
Harderstr. 22, 85049 Ingolstadt

Forum Kreativwirtschaft e.V. Regensburg
Carola Kupfer, 1. Vorsitzende
Wahlenstr. 17, 93047 Regensburg
Ansprechpartner Presse
Christian Omonsky
Tel. 0941 92008-21, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Kreativunternehmer-Netzwerk KÜKO e.V.
Sabine Gollner, 1. Vorsitzende
Maintalstr. 123, 95460 Bad Berneck

klein·laut GmbH


Bildnachweise: Fotos Iva Nikolova

Bild 1: v.l.n.r. - Carola Kupfer (Forum Kreativwirtschaft e.V. Regensburg), Sigrid Diewald (Freies Akteursnetzwerk Ingolstadt) und Sabine Gollner (Kreativunternehmer-Netzwerk KÜKO e.V.) unterzeichnen den Kooperationsvertrag als ersten Schritt auf dem Weg zum Landesverband Kreativwirtschaft in Bayern.

Bild 2: Die Teilnehmer des Kooperationstreffens in Ingolstadt: Alexander Häusler, (Freies Akteurs-Netzwerk Ingolstadt), Sabine Gollner und Stadträtin Sandra Schiffl (Kreativunternehmer-Netzwerk KÜKO e.V.),Carola Kupfer (Forum Kreativwirtschaft e.V. Regensburg), Werner Kapfer (Freies Akteurs-Netzwerk Ingolstadt), Florian Rottke (klein·laut GmbH Regensburg) und Gastgeberin Sigrid Diewald (schnellervorlauf gmbh, Freies Akteursnetzwerk Ingolstadt).

 

markus jordan 348 2Ingolstadt | Der Künstler Markus Jordan stellt aus. Er zeigt dieses Mal nicht spektakuläre Skulpturen aus Eis und Feuer oder schafft fluoreszierende Landschaften aus Licht, Tönen und Magie. Jordans Kunstinstallation ist ein Labor. DAS LABOR. Keines von heute, das wäre weiß und clean, würde wohlweislich verbergen, welche Kräfte dort wirken. Im Labor der „retrofuturistischen Visionen“ des Künstlers und Konstrukteurs Markus Jordan brodelt und zischt es, es dröhnt, pfeift und blitzt. Es ist ein Labor, wie in Filmen und Büchern der Vergangenheit, in denen es um - mehr oder weniger fiktive - Zukunftsvisionen geht: Fritz Langs Metropolis, Mary Shelleys Frankenstein, H.G. Wells, Jules Verne. Jordans Labor ist sinnlich, es macht Spaß auf die Knöpfe und Schalter zu drücken, durch eigene Bewegung oder die Tasten des „Pneumoniums“ erst Töne, dann Licht zu erzeugen, sich von Effekten überraschen zu lassen, dem Witz und Genie des Künstlers zu folgen. Die Ausstellung ist ästhetisch anziehend, sie ist durchdacht inszeniert, spielt mit Licht, Farbe, Strukturen. So mancher erkannte bei der Eröffnung die eigene Leidenschaft für das Sammeln alter Dinge wieder, diskutierte das Ordnungsprinzip der Sammlung oder bewunderte die schönen Funde. Andere rufen in Richtung Jordan, ob er sein Atelier ausgeräumt habe, das es in Ingolstadt zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Denn tatsächlich sammelt und ordnet der Künstler in seinen Atelierräumen in der Flankenbatterie seit gut 15 Jahren Objekte und Bauteile, geht auf Schrottplätze und Recyclinghöfen, archiviert Ausrangiertes, Skurriles und Seltenes. Er experimentiert mit Eigenschaften und Funktionen, erkundet mit alchimistischer Neugier das Wesen und die Möglichkeiten der Dinge, die Gesetzmäßigkeiten von Licht und Energien.

Einführende Gedanken zu Jordans Ausstellung kamen von Günter Beltzig. Der Designer arbeitete in den 1960er Jahren auch mit Luigi Colani, der wiederum als einer der bedeutenden Zukunftsdesigner gilt und im Zusammenhang mit (Retro-)Futurismus im Kunst und Design eine feste Größe ist. Beltzig betonte in seiner Einführung den Autodidakten Markus Jordan, der als Künstler eben nicht „Meisterschüler“, also Schüler eines Meisters gewesen, um erst einmal dessen Ideen zu verstehen und recyceln bevor er eigene Ideen umsetzen würde. Jordan folge eigenen Ideen und recycle dabei Objekte und Materialien. Er schöpfe aus ihnen etwas Neues, noch nicht vorgedachtes.

Objéts trouve | Von der Ordnung der Dinge

Die Kunstausstellung DAS LABOR ist die Inszenierung dieser „objets trouvé“. Es ist, als würde der Frankenstein der Dinge – Jordan über Jordan - aus seinem Spieltrieb schöpfen, um unseren Spieltrieb anzusprechen und um uns so zu erreichen. Denn das Labor hat auch eine unheimliche Botschaft: es geht um Ordnung, der Dinge und der Gesellschaft, und um diejenigen, die darin eingreifen, sie neu denken und verändern. Es geht um den Gestaltungsdrang des Menschen, Entgrenzung und Fortschrittsgläubigkeit. In den literarischen Zukunftsvisionen und Filmen, auf die Jordan vielfach anspielt, sind neben den spannenden Zeitmaschinen und künstlichen Menschen daher oft auch autoritäre Gesellschaften, Herrschaft und Freiheit angesprochen. Und in der Auseinandersetzung mit Jordans Objektkunst schwingt mit, dass es einen bedeutenden Unterschied von Wissenschaft und Kunst gibt, und dass es wieder die Aufgabe von Kunst sein könnte, Chaos in die Ordnung zu bringen.

Im retrofuturistischen Labor wird die Montage von Teilen aus dem Metallbau zu einer Skulptur die vielleicht zeigt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Doch was sehen wir? Den harmlosen mikroskopischen Blick auf die Struktur von Schafwolle oder doch die totale genetische Veränderung der DNS, die Auflösung der Doppelhelix? Geht der menschliche Zugriff so weit, selbst das Unmögliche zu schaffen und das sprichwörtliche Pferd kotzen zu sehen, wie ein anderes Objekt nahelegt. Oder will Jordan nur (dass wir) spielen? Über allem und als Höchstes thront der leuchtende Stuhl des „Maschinenmenschen“ in Anlehnung an Fritz Langs Metropolis – die Erschaffung des künstlichen Menschen. Jordan zieht uns mit seiner Kunstinstallation in eine andere Zeit, lässt die romantisierende Ästhetik des Steampunk wirken und betont so die Aktualität seiner retrofuturistischen Zukunftsforschung, denn so Manches wurde ja längst wahr: Gentechnik, Klonen, künstliche Intelligenz, Robotik und Maschinenmenschen. Fragen, die seit Jahrhunderten brennend gestellt werden und die uns heute mit der digitalen Revolution erneut umtreiben: Wer schafft, wer beherrscht, wer ordnet die globalisierte, digitale Zukunft? Dazu Markus Jordans retrofuturistische Visionen.


markus jordan 348 3Markus Jordan, 43, arbeitet seit 1996 künstlerisch und setzte sich vor allem mit den Aspekten des Lichts auseinander. Jordan ist gelernter Schilder- und Lichtreklamenhersteller, seit 2002 als freischaffender Künstler tätig und seit 2013 auch am Stadttheater engagiert.

Überregional bekannt sind seine Installationen und Performances, die Skulpturen aus Eis und Feuer, die Licht- und Videokunstbeiträge für Projekte und Festivals - Lichtstromfestival 2014, „occupied“ in der Stargader Straße, Kunstvollzug 2018. Illuminationen wie die Fahrt ins Blaue mit Beleuchtung des Rathauses, der „Lichthauch“ am Kavalier Dalwigk zum Futurologischen Kongress 2018.

Markus Jordan ist Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler, Mitglied der Glow Connection, Erfinder des Pneumoniums und Mitgründer der Kunst und Kultur Werkstatt KAP94.

Markus Jordan
"Das Labor. Retrofuturistische Visionen"
Bis 23. September, Städtische Galerie des Stadttheaters Ingolstadt
Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

 

Klangperformance von Jürgen Schulze | Anlässlich der Ausstellungseröffnung am 19. September.
Drei Metallplatten, ein Mikrophon und der Rückkopplungseffekt. Mit seinem Klangbeitrag zur Eröffnung der Ausstellung DAS LABOR zeigt Jürgen Schulze weitere Aspekte experimenteller Kunst. Schulze arbeitet freischaffend als Künstler, Performer, Illustrator sowie Designer für Upcycling-Produkte und Inhaber des Labels QR-BOMB®. Schulze hat Architektur studiert, ist Mitglied des Berufsverbandes Bildender Künstler - BBK Ingolstadt, konzipiert und führt kulturelle Bildungsprojekte durch (u.a. bei Künstler an die Schulen e.V.) und ist Mitbegründer der Theaterformation „zwischenraum“.

Der Beitrag erscheint gedruckt bei in CITICON - Das Trendmagazin - Sept. 2018 | Die Ordnung der Dinge. Markus Jordan - Retrofuturistische Visionen.

 

 

Kunstschau2018 Foto Leonore WeissIngolstadt | Neueste Arbeiten seiner Künstler*innen aus dem Großraum Ingolstadt und Oberbayern Nord zeigt mit der Ausstellung "Aktuell" der regionale Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler www.bbk-ingolstadt.de. Die Kunstschau, die eine breite Palette künstlerischer Umsetzungen zeigt, ist ein wichtiger Bestandteil im Jahreskalender des BBK Ingolstadt. Nicht nur, dass mit der Galerie in der Harderbastei ein zentraler Standort für die Präsentation der aktuellen Werke zu Verfügung steht, die Besucher können seit vielen Jahren die künstlerische Arbeit der einzelnen Mitglieder des BBK intensiv verfolgen.

Die Ausstellung ist vom 17.6. bis zum 8.7.2018 jeweils von Donnerstag bis Sonntag von 11 – 18 Uhr zu sehen. Zu den Öffnungszeiten wird immer ein teilnehmender Künstler anwesend sein und Sie gerne durch die Ausstellung führen.

www.bbk-ingolstadt.de

Fotos: Leonore Weiss | Unten: Eröffnung am 17. Juni; oben: Aus der Ausstellung.

Kunstschau2018 Foto Leonore Weiss Eroeffnung

 

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