Samstag, 10 November 2012 00:56

Anschauen! | Meine gottverlassene Aufdringlichkeit | Stadttheater

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Die zentrale Figur des Monologs „Meine gottverlassene Aufdringlichkeit“ ist eine - eigentlich kunstleidenschaftliche - Kunsthistorikerin. Mit ihrer Bildungs-Biographie kann sie für Kreative oder Kulturschaffende unserer Zeit stehen, denn einer ihrer Zweifel nährt sich daraus, nichts Anderes, Brauchbareres studiert zu haben. Die Anstrengung Kunst, Kreativität und Wirtschaft zusammen zu bringen zeigt sich im Kleinen (sie kann kaum von ihren Texten leben) und auch im Großen, wenn es um den Wert von Kunst, kreativen und kunst-nahen Berufen geht.

"Wahrscheinlich bin ich Kunsthistorikerin geworden,
weil ich für die wirkliche Wertschöpfung zu unbeholfen bin."

Das Stück von Christoph Nußbaumeder stand im September noch gar nicht auf dem Spielplan des Stadttheaters, wurde ohnehin gerade erst in Berlin uraufgeführt - und geht nun schon in Ingolstadt auf die Bühne. So schnell geht's, wenn ein Dramaturg und Regisseur wie Donald Berkenhoff in engem Kontakt mit Theaterszene und Autoren ist und ein Gefühl für relevante Themen hat – und wenn eine Schauspielerin wie Denise Matthey genau diesen Stoff unbedingt spielen will.

Der Autor und Dramatiker Christoph Nußbaumeder ist inzwischen erfreulich vielfältig mit Ingolstadt verbunden. Er gilt als neuer Vertreter des kritischen Volksstücks, in Nachfolge von Marieluise Fleißer oder Franz Xaver Kroetz. Letztes Jahr hat er Fleißers Roman „Eine Zierde für den Verein“ für die Bühne bearbeitet (UA Okt. 2011 in Ingolstadt). Seine Familiengeschichte „Eisenstein“ wurde im Januar 2012 hier gezeigt. Beide Male sehr erfolgreich inszeniert von Donald Berkenhoff, der offenbar der Meinung ist, Nußbaumeder und die Fleißerstadt Ingolstadt sollten unbedingt und viel miteinander zu tun haben. Und Ingolstadt honoriert dies bisher mit hohen Besucherzahlen und der zunehmenden Freude an der lebendigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftskritischen Texten von Fleißer und Nußbaumeder.

bild wohnung donaustrasse280x187Am 1. Dezember hat nun Nußbaumeders "Monolog für eine Frau" Premiere. Denise Matthey spielt die junge Frau um die 30, mit einem Lebenslauf vieler in ihrer Generation, die inzwischen als akademisches Prekariat bezeichnet wird: überdurchschnittlich gebildet, unterdurchschnittlich bezahlt, freiberuflich und mit einem einkommensunsicheren Status.

Für die Aufführung hat die Unternehmerin Veronika Peters dem Theater die Türen geöffnet. Die "Downtown"-Bühne ist dieses Mal eine leerstehende 50er-Jahre-Altbauwohnung in der Donaustraße. Noch mehr Nähe und Realität also für diesen sehr intimen Text, der schon beim Lesen des Stückes, auch unangenehm, berührt. Es ist dabei nicht die Einsamkeit oder der Selbstzweifel der Figur, die Interesse weckt. Es sind eher diese nächtlichen Gedankenkreise und die realen Bezüge, die nachhaltig beschäftigen, wen man sich auf Nußbaumeders Figur einmal eingelassen hatte. Versatzstücke ihres Monologs begegen uns und irritieren: hat man das im Stück gelesen, letztens im Gespräch gehört oder gar selbst gedacht?

Das Stück ist also nachspürbar aktuell und relevant, deshalb veränderte es sich im Lauf der Proben, wenn sich Regisseur, Darstellerin und immer wieder auch der Autor mit der Inszenierung beschäftigen und ihre unterschiedlichen Lebensperspektiven einbringen. Nußbaumeder (34) und Denise Matthey (29) gehören dabei selbst zur Generation ihrer Protagonistin und Berkenhoff läßt z.B. die Fleißersche Erfahrung mit einfließen. Das Ende ist geschrieben und auch noch offen … Man darf auf die Ingolstädter Fassung also gespannt sein.

gottverlassene zeichnung312Donald Berkenhoff führt auf der facebook-Seite des Stadttheaters  mit kleinen Text- und Bildeinspielungen zur Figur hin und zeigt auch einen Bezug zu Marieluise Fleißer auf: „Was tun, wenn man aufs falsche Pferd gesetzt hat? Wenn man etwas studiert hat, für das man sich wirklich interessiert hat? Mit Leidenschaft sich den Künsten verschrieben hat, dann aber feststellt, es gibt keinen Markt mehr für diese Künste? Die junge Frau hat ein erfolgreiches Studium hinter sich. Sie hat sich überall beworben. Bei jedem Museum, bei jeder Galerie. Sie landet da, wo man Kunst nur noch als Ware sieht. Im Auktionshaus. Sie schreibt Texte, die die Versteigerer ablesen. Also Marketingabteilung. Und hier geht es nicht um Epoche, Maler, Technik, hier geht es um eingängige Slogans, Pseudolyrik und Kitsch, um den kunstUNverständigen Sammler, der Werte anlegen möchte, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das könnte so gut wie jeder. Aber ein Name und ein akademischer Grad unter dem Text machen diesen wertvoller. Und so entstehen in der Nacht die Gedanken: Was hätte sie anders, besser machen können? Im Gehirn entstehen die Alternativen zu ihrem Leben, doch im Alltag versagt die Kraft dieses Leben zu leben. Hier gibt es durchaus Parallelen zu Fleißers "Avantgarde" zu entdecken. Was muss man tun, um in dem Beruf, für welchen man sich "berufen" fühlt, zu arbeiten? Und was ist Arbeit noch wert? Arbeit am Computer, das Verschicken von Dateien? Die einen verschieben Kunstwerke, die anderen Nahrungsmittel, die noch gar nicht hergestellt wurden. Die einen verdienen sich eine goldene Nase, die anderen leben unterhalb der Armutsgrenze. Akademisches Prekariat."

Unbedingt anschauen!   

 

peters tor610x248Premiere am Do., 1. Dezember 2012
20.00 Uhr
Down-Town


Petersche Höfe, ehem. Firmen- und Wohngebäude von Gebr. Peters
Zugang über das Tor zwischen Donaustraße 3 und 5

 

Christoph Nußbaumeder, *1978 in Eggenfelden/Niederbayern; studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Geschichte in Berlin. 2005 erlebte sein Stück »Mit dem Gurkenflieger in die Südsee« die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen,danach folgten weitere Uraufführungen u. a. an der Schaubühne am Lehniner Platz (Berlin), Nationaltheater Mannheim, Schauspiel Köln und am Schauspielhaus Bochum. Mit »Meine gottverlassene Aufdringlichkeit« wird bereits das dritte Stück von Christoph Nußbaumeder, wieder in der Regie von Donald Berkenhoff, am Stadttheater Ingolstadt inszeniert.
Nußbaumeder gehört übrigens auch zur AUTONAMA, der Fußballnationalmannschaft der deutschen Autoren und hat im 2009 als Mannschafts-Kapitän, u.a. mit Albert Ostermaier und Moritz Rinke, gegen eine Ingolstädter Promimannschaft gespielt (DK, 26.4.2009, Von Dichterfürsten und Flankengöttern).

Donald Berkenhoff, Regisseur, Dramaturg, arbeitete u.a. an den Staatstheatern in Stuttgart, Kassel und Karlsruhe. Lange bevor er wusste, dass er einmal in Ingolstadt arbeiten würde, hat er seine Magisterarbeit über die Dramen von Marieluise Fleißer geschrieben. »Fegefeuer in Ingolstadt« hat er an den Städtischen Bühnen Münster inszeniert. Mit Christoph Nußbaumeder, der in der Presse öfter als der »legitime Enkel« der Fleißer bezeichnet wurde, verbindet ihn die Zusammenarbeit bei den Inszenierungen »Eine Zierde für den Verein« und »Eisenstein«, beide in der Spielzeit 2011/2012 am Stadttheater Ingolstadt.

Bild: Selbstportrait von Denis Matthey, gezeichnet während der Proben zum Stück

Fotos: Hannah Lau, Stadttheater Ingolstadt

www.theater.ingolstadt.de

Die Premiere am 1. Dezember ist bereits ausverkauft. Weitere Termine:
7., 16., 20. Dezember
3., 12., 16. und 25. Januar 2013
Karten gibt es unter Telefon (08 41) 30 54 72 00

 

 

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