Samstag, 07 Juni 2014 21:03

Review | Senioren besetzen Brunnquell-Villa | Stadttheater

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review 348Review | Wenn das Stadttheater außer Haus geht, ist es immer etwas Besonderes. Donald Berkenhoff ist wie ein Archäologe unterwegs, verschüttete Ingolstädter Geschichten ans Licht zu holen und mit aktuellen, oft kritischen, Themen zu verweben. Großartig, wie er es immer wieder schafft, dass Hauseigner ihm dafür Tür und Tor öffnen, so wie die Unternehmer Veronika und Fritz Peters (Gebr. Peters), die ihm diesmal die Brunnquell-Villa überlassen haben – für nicht weniger als ausgerechnet eine Hausbesetzung durch radikale Alte, die es gar nicht einsehen, dass so ein großes, bewohnbares Gebäude leer steht. Großartig auch, dass Veronika Peters den ganzen Nachmittag Fragen beantwortete, kleine Geschichten erzählte und sich offen in diese Hausbesetzung begab, die nicht nur Theater war, sondern eben auch eine kritische Auseinandersetzung.

Es war auch so etwas wie ein regionales Veteranen-Treffen, denn die SchauspielerInnen vermischten sich mit Alt-68ern, (ehemaligen) Kommunisten, Ökos und einer berühmt-berüchtigten Eichstätter Landkommune. Einer dieser Landkommunarden war Georg Frisch, der mit seiner Band „Dr. Eisele und die Besen“ die passende Musik machte. Andreas Eichhorn vom Hagauer Theater gab mit dem Megaphon den Conférencier und kündigte Lesungen, Aufführungen und Filme an. Dazwischen tönte es aus Tom Neumaiers Kunst-Lautsprecher „Wir fordern die Seniorengruppe auf, das besetzte Haus zu räumen!“. Dazu Hunderte von Neugierigen, die sich die prominente Brunnquell-Villa einfach einmal von innen anschauen wollten. So mancher brachte biographischen Bezug mit, war hier früher schon einmal mit den Eltern hier gewesen,  kannte Traudl Brunnquell noch selbst. Und so wurden Geschichten ausgetauscht, vom Jäger Heinz Brunnquell, der es im Alter nicht mehr über sich brachte beim Jagen auch zu schießen, bis hin zu den Akt-Foto-Sessions mit René Chacon im brunnquellschen Schwimmbad.

Viktor Scheck, Sieglinde Bottesch, Alfred Ullrich und Tom Neumaier, der zusammen mit Berkenhoff die Hausbesetzung inszenierte, haben sich als bildende Künstler an der Hausbesetzung beteiligt.

In der Küche der Villa die Hausbesetzer bereiteten Doris Buchrucker, Stefan Viering und Rolf Germeroth eine Kartoffelsuppe vom Allerfeinsten zu. Während man schnippelte, sprach man darüber, wie teuer das Wohnen sei, was man Alles mit einer so tollen Villa machen könnte, wie gut man selbst darin wohnen würde.

Besonders fein gelang diese Wanderung zwischen Realität und Theater beim Spiel Karlheinz Habelts, der als „Rentner im Stand-by-Modus“ mit dem Teddy Bember - man braucht ja jemanden zum Reden und möchte keine Selbstgespräche führen müssen - im Atelier des Hauses eingezogen war. Er plauderte über all die Themen des Rentnerdaseins und schien dabei zwischen Figur und dem realen Schauspieler im Ruhestand hin und her zu changieren, was ungemein berührend war. Großartig!

 

 

Hausbesetzung & Visonenwerkstatt Seniorenteller? Nein Danke!

 

 

 

 

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