Dienstag, 01 November 2016 22:51

Eröffnung im Altstadttheater | Viel Applaus für die "Ingolstadt Spuren"

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Leni Brem 348Ingolstadt | Was macht ein Ort mit seinen Menschen? Was prägt, was bleibt, welche Spuren hinterlässt man selbst? Wie ist Ingolstadt? Das Altstadttheater Ingolstadt ging an seinem Eröffnungswochenende auf Spurensuche und lud zum theatralen Stadtspaziergang ein - mit echten und falschen Schanzern, freiwillig und unfreiwillig Hiergebliebenen, Durchreisenden und Rückkehrern. 15 unterschiedliche Perspektiven, auf die Bühne gebracht von Künstlerinnen und Künstlern aus Malerei, Literatur oder Theater und von Ingolstädterinnen, die als Hebamme, Vergolderin oder im Drogeriemarkt arbeiten.

Ein Abend der voll aufging und ein Erfolg war, weil er mit seinen Themen relevant war. Relevant für Ingolstadt, in dem nach wie vor um Identität gerungen wird und relevant für unsere Zeit, in der es um Zugehörigkeit, Heimat und Fremdsein geht. Er hat auch gezeigt, wie die Kunst zur Identität beitragen kann - das passiert nicht einfach so, sondern braucht Konzept, Freiräume und Kunstschaffende, die sich damit befassen wollen und die Stadt ins Altstadttheater holen.

Leni Brem (Bild oben), zusammen mit Falco Blome die künstlerische Leitung des Altstadttheaters, ist es gelungen, die vielen Episoden, die persönlichen, fiktionalen und literarischen Beiträge, Performances, Geräuschcollagen und Bekenntnisse, zu einem Gesamtkunstwerk zu verbinden. Bilder, Töne, Gedanken und Emotionen haben noch lange nachwirkt. Anteil am Gelingen hatte das Video von Robert Lischka, das ruhig im Hintergrund lief und die Stadt so auch als unser aller Alltags-Bühne zeigte. 80 Minuten stiller Filmrundgang, durch fast menschenleere Straßen (Sonntag früh?), mit Graffitis, Kirchen und weißblauem Maibaum, über Plätze mit Atmosphäre und an trostlosen Unorten vorbei. Auf der Bühne wurden die Darsteller*innen dann selbst Teil dieser Stadt, wenn die Projektion sich auf ihnen zeigten, während sie über die Stadt sprachen, sanhen oder tanzten. Die Stadt, der man nicht auskommt, die man allerdings auch mit der eigenen Silhouette bespielen kann.

In Ingolstadt ankommen. Hebamme Karolina Luegmaier spricht ganz ruhig, wenn sie Geburt für Geburt von Glück und Schicksalsschlägen, von Ängsten und Geborgenheit, von jungen, türkischen, tapferen oder ängstlichen Frauen, Männern und Kindern erzählt, von widrigen Umständen und Besonderheiten. „All diese Menschen sind Ingolstadt und ihre Kinder sind das, was die Stadt morgen sein wird – Ingolstadts Zukunft.“

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Wie eine der Zukünfte aussehen könnte, zeichnete Literatur-Guerilla Jens Rohrer. Herrlich, wie er zwischen reellem „typisch Ingolstadt“ und satirischer Übertreibung spielte. Das Münster ist abgerissen, stattdessen stehr dort ein Parkhaus. Eine Erdwärmebohrung hatte den Untergrund destabilisiert, Fehler passieren. Das alte Rathaus allerdings fehlt, weil es nicht mehr zu den schlichten Neubauten passte und man den Platz (mal wieder) architektonisch optimieren wollte. Immer wieder geht ein Raunen oder Lachen durchs Publikum. Ja klar, so etwas ist - oder wäre - ja mal wieder „typisch Ingolstadt“.

Schanzer oder nicht Schanzer, das ist hier die Frage!

Manch eine muss damit leben, dass Kösching damals eine sehr moderne, beliebte  Geburtsstation hatte. Und darum kam Franziska Vogler eben dort auf die Welt. Sie ist seither Ingolstädterin, aber eben keine echte Schanzerin. Eigentlich nicht so wichtig, könnte man meinen, doch immer wieder sei dies ein Makel gewesen, vom Schulhof an bis heute. „Schanzer oder nicht Schanzer, das ist hier die Frage!“ Etwas Wehmut, weil ihre Stadt sich hier so wählerisch zeigt. Vogler arbeitet in einem Innenstadt-Drogerienmarkt und gehört fest zur Theater- und Kulturszene der Stadt. Wie Ingolstadt sei, was fehle, merke man eigentlich erst im Vergleich, meinte sie. Warum geht vieles woanders und in Ingolstadt nicht, warum haben die das, und wir nicht. Ein Kultur- und Kneipenviertel, kreative kleine Läden, eine freie und präsente Szene, wo sind eigentlich die Studenten, die andernorts für ein buntes, vielfältiges Clubleben sorgen? Sie sei manchmal neidisch oder – noch schlimmer - schäme sich sogar für ihre Stadt, vor allem wenn Besucher kämen. Letztlich überwiege zwar immer der Heimatpatriotismus. Dennoch bleibt, das spürte man deutlich, ein Hadern und das Gefühl sich für Ingolstadt entschuldigen zu müssen. Und es war kein Trost damit nicht allein zu sein. Gut, dass der ICE hier hält, man brauche diese Fluchtmöglichkeiten – auch Humor hilft. Mutige Aussagen einer jungen Frau, die bewusst und aus Heimatliebe ihr „Ingolstadt auch als umstrittene Heimatstadt“ zeigen wollte.

Statt zu gehen bleibe ich.

Es war einer der vielen Momente an diesem Abend, in denen man auf Spuren von Marie-Luise Fleißer traf. Die Autorin Carmen Mayer hatte die Literatin bewusst in ihre Lesung genommen. Mayer (Bild unten) hatte vor 40 Jahren nach Ingolstadt eingeheiratet, einen der echten Schanzer und sie dachte, so auch eine Schanzerin zu werden. Weit gefehlt, wie wir wissen. Carmen Mayer hat allerdings den Einheimischen viel zugehört, vom Baden in der Donau, von Bomben und Krieg, vom Leben in den Stadtvierteln. Sie weiß davon, dass ihr Mann der Marie-Luise Fleißer regelmäßig die Zigarettenlieferung aus dem Großhandel in den verrauchten Tabakladen brachte. Sie sei ihm weit weniger sonderbar erschienen, als man gemeinhin in der Stadt von ihr sprach. Carmen Mayer hat sich über diese Geschichten die Stadt angeeignet. Sie verweilte auch vor dem Haus, in dem die Fleißer damals im Zigarettenlädchen stand. Sie spürte dem Tabakrauch nach und den Gedanken der Schriftstellerin, die sich nicht nur um den Tabak gedreht haben können. Marie-Luise Fleißer, immer wieder ein Bezugspunkt an diesem Abend – wegen der Hass-Liebe zur Stadt, wegen des Haderns und wegen des Mutes, den es braucht, um über das Unbehagen zu sprechen. Und auch wegen Fleißers „Statt zu gehen bleibe ich!“

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Immer wieder auch Leichtigkeit auf der Bühne. Beim Aufbruch der Jungen. Denn kaum war man unterwegs in etwas Neues, trifft man schon bei Aussteigen am (Grazer) Bahnhof auf Ingolstädter Autokennzeichen. Oder auf der Autobahn, wer fährt vor einem, ein Ingolstädter! Witzig und wahr der Filmbeitrag aus der Grazer WG der gebürtigen Ingolstädterinnen Amelie C. Bauer und Laura Reiter. Beide sind vom Stadttheater zur weiteren Ausbildung nach Graz gegangen. Was bleibt - ein Souvenir-Kissen, (verblassende) Erinnerungen, Sprache? Beide staunen über ihre Vorfreude, an Weihnachten heimzukommen, obwohl man doch so froh ist, jetzt hier zu sein, in Graz. Oder es geht einem wie Milan Römisch (unten). „Jetzt wo ich weiß, ich gehe demnächst nach Düsseldorf, sehe ich, was mir hier alles gefällt!“

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Aus dem Tagebuch der Schauspielerin Denis Matthey hören wir, wie Ingolstadt Spuren in der Sprache hinterlässt. Ihr Heimatort Wuppertal ist recht hügelig, also nichts für das Fahrrad. Aber Ingolstadt! Flach, ideal zum Radeln, das habe sie überhaupt erst hier gelernt. Und „radeln“ wurde damit in ihren Wortschatz aufgenommen. Sie spricht viel von Fremdheit. Selbst nach fünf Jahren am Theater, sei es hier immer wie ein Besuch bei einer strengen Tante gewesen: man habe nie so ganz richtig gesprochen, sei nie so ganz richtig angezogen gewesen. Und doch habe sie hier, mit den Menschen und dem Theater, so viel Schönes und Wichtiges erlebt. Es sei wohl eine Hass-Liebe, die sie mit Ingolstadt verbinde. Da war sie wieder, die in dieser Stadt allgegenwärtige Ambivalenz.

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Kabarettistin Maxi Grabmaier blieb bei ihrem Genre und hatte sich für den Abend aufgebrezelt. „Man braucht ja was zum Essen, von der Kunst kann man hier in Ingolstadt ja nicht leben. Da red ma nachher noch, Herr Kulturreferent.“ Brez'n-Berta Grabmaier kam als Kind aus dem multikulturellen München, wo türkische oder griechische Freundinnen selbstverständlich waren. In Mailing dann ein Kulturschock. Für beide Seiten. Kaum Kontakte in den Jahren an der Grundschule. „Ich musste erst aufs Gymnasium in die Innenstadt kommen, um überhaupt wieder Freunde zu finden.“ Viel später hat sie besser verstanden, was da in den 70ern mit ihr passiert war, wie das ist mit dem Fremdsein und Dazugehören. Seither ist Ingolstadt internationaler geworden und „hat sich damit auch kulturell entwickeln können“. Heute wohnt sie übrigens wieder in Mailing-Feldkirchen. Kluge Zeitbetrachtungen und feine Zwischentöne bei Grabmaiers knallbuntem Auftritt. Chapeau!

Eine stimmungsvolle, akustische Dimension öffnete die Toncollage der Künstlerin Eva Leopoldi und des Multimedia-Künstlers Anton Tyroller. Blasmusik, Mittagsläuten vom Weißbräuhaus, das Anstoßen der Kickerkugeln im Engelwirt, Vernissagengemurmel aus der Harderbastei, die Stille der Bücherei, Discomusik, ein Schulgong (spontane Einigkeit im Publikum „das war der vom Katherl!“), Biergartenstimmung im Mo, Froschquaken, Plätschern, Straßenmusik ...

Nah an ihren biographischen Stationen blieben Claudia Künzel, Vergolderin mit Atelier in der Theresienstraße, und Schauspielerin Francesca Pane. Erinnerungen im goldenen Bilderrahmen oder als Spielfeld eines Familien-Monopoly, zwischen Medererstraße, Serbien und Wanglerstraße, mit der Zukunft auf dem Ereignisfeld. Svetlana Potten zeigte mit einer Tanzperfomance Lebensstationen und –gefühle. Michael von Benkel, Musiker, Autor, Maler, Strafrichter, blieb nah am echten Leben. Er gab mit seinem neuen Roman „Der Schrank“  nicht ganz frei erfundene Einblicke in die Pubertät junger Delinquenten, die in Ingolstadt vor Gericht standen. Wobei einem die bezopfte, lässig wirkende Figur des Richters durchaus bekannt vorkommen durfte.

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Ein musikalisches Kleinod brachten Bettina Krugsperger (Gesang) und Morli Huber (Gitarre) mit SCHAUM DER ZEIT auf die Bühne. Krugsperger war auch eine in Kösching geborene Ingolstädterin, zudem Singer & Songwriter, Künstlerin und diplomierte Designerin, die nach Jahren in der Schweiz in die Region zurückgekehrt war. Ihre Kindheitserinnerungen, in Mundart gesungen, schwebten mal lustig, mal leicht und immer etwas sehnsuchtsvoll durch das Altstadttheater – sehr berührend.

Viel Applaus für diesen Abend im Altstadttheater!

www.altstadttheater-ingolstadt.de

 

Bilder vom Eröffnungsabend

(Zum vergrößern auf die Bilder klicken ©Petra Kleine)

 

 

 

Statt zu gehen bleibe ich.

 

 

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