Dienstag, 04 Dezember 2012 12:39

Besprechung | Donald Berkenhoff | „Drehpause" von M. Kleinherne

von

„Ich mag es lieber nüchtern und klar"
Michael Kleinhernes Erzählungen „Drehpause"

Ein schmaler Band mit Erzählungen, welcher doch detailliert und ausgiebig eine Welt beschreibt. Eine Welt, die sich hauptsächlich durch das Schweigen und das Nichtgesagte zusammensetzt. Hier finden die Katastrophen und Zusammenbrüche, die Enden von, ja, vielleicht waren es Beziehungen, vielleicht waren es auch nur Irrtümer, in der Stille statt. Fast jede dieser Erzählungen implodiert. Da wo bei anderen Autoren der Exzess, die Beschimpfungen zu erwarten sind, da hört man bei Kleinherne einfach auf zu sprechen. Manchmal hat man Sex miteinander, damit das Schweigen nicht so schmerzt. Was diese Figuren umgibt, ist eine existenzielle Einsamkeit. Aber es gibt immer wieder den Versuch diese Isolation zu durchbrechen. Indem man eine verloren gegangene Freundin wieder aufsucht, nur um festzustellen, dass sich die Lebenswege soweit voneinander entfernt haben, dass eine tatsächliche Begegnung nicht mehr möglich ist. Aber in dieser Unmöglichkeit sitzt man konkret zusammen und wartet darauf, dass der andere endlich geht. Oder man raucht eine Zigarette mit einer Unbekannten, glaubt, dass in diesem Schweigen eine große Gemeinsamkeit verborgen sein könnte. Und indem die Grenzen der Isolation verletzt werden, wird man schuldig am Tode eines Menschen, oder hätte der sich auch so umgebracht, oder hat er sich gar nicht umgebracht? Diese Fragen entstehen durch die Räume der Nichtkommunikation in diesem Buch. Ständig ist man versucht in die Stille hineinzudenken, mit den eigenen Assoziationen, mit den eigenen Erfahrungen.

Das Nichtgesagte erzeugt die Trauer in diesem Band, welche auch in den Beschreibungen der Umgebung keinen Trost mehr findet. Deutlich ist hier die Gegend von Eichstätt und Ingolstadt beschrieben, aber nie einfach schön oder romantisierend. Die Leere der Figuren spiegelt sich in den Landschaften und den Räumen, und selbst, wenn es die Wüste bei Tuscon ist, alles unbehaust und gefährlich, so wie der dunkle Weltraum durch welchen der Hund Laika alleine in der Kapsel unseren Planeten umkreist. Vielleicht sind wir alle solche Solitäre, auf Umlaufbahnen, aber unfähig zur Begegnung.

Einzig in der titelgebenden Erzählung „Drehpause" verlässt der Autor seine Personage, um in die Bohème einzutauchen. Dies ist leider klischiert, das hat man in der Art öfter schon gelesen, eher Stoff für deutsches Fernsehspiel als für eine Erzählung in einem Band, der sonst jegliches Klischee bei der Beschreibung seiner Personen meidet, und, dies natürlich ein Zitat aus dem Band, schreibt, beschreibt, erzählt, wie es der Titel der Besprechung sagt „Ich mag es lieber nüchtern und klar". Dass bei dieser Nüchternheit, dieser Klarheit, nur Wesentliches bleibt, lapidar beschrieben im Unwesentlichen, jeder Schmus, jede Romantik weggeätzt ist, versteht sich von selbst. Da sitzt man da und liest den Rest, und der ist ganz oft Schweigen.
Donald Berkenhoff

 

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"Drehpause"
Erzählungen

Erhältlich im Buchhandel, direkt beim Autor bestellen - hier - oder bei den Lesungen.

€ 7,80
1. Aufl. 12.11.2012
Paperback (Jos Fritz.verlag)
ISBN: 978-3-928013-60-4

Nächste Lesung in der Galerie Bildfläche  in Eichstätt, Bahnhofplatz 20,  am 7.12., 20 Uhr. Lesung in Ingolstadt im Januar.

 

Donald Berkenhoff ist stellvertretender Intendant, Dramaturg und Regisseur am Stadttheater Ingolstadt.

 

 

 

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