Donnerstag, 18 Dezember 2014 11:37

Michael Kleinherne „Daniel“ | Rezension von Donald Berkenhoff

von

kleinherne daniel 348Schnörkellose Prosa
Von Donald Berkenhoff

Eigentlich sind alle Geschichten schon erzählt. Es gibt nur noch Variationen, Kombinationen, andere Umstände. In diesen Zeiten bemühen sich Autoren hauptsächlich um das, was man gemeinhin Stil nennt: die Eigenart der Formulierungen, den Rhythmus der Sprache, die Gewagtheit der Metaphern. Es entsteht eine gefragte Künstlichkeit, oft ist es nur noch die Form, die besticht.

Kleinherne arbeitet umgekehrt. Seine Form, durchaus vorhanden, spielt sich nicht in den Vordergrund. Als erstes besticht die Novelle durch ihre gerade Schlichtheit. Und dies ist schon in den ersten Sätzen völlig klar. „Er folgte ihr. Seit zehn Minuten schon.“ Erste Sätze eines neuen Buches. Sie ziehen hinein in das Dilemma des Helden. Der Mann folgt der Frau. Und: das ganze braucht Zeit und Geduld, danach dominieren Hektik und Ungeduld. Daniel verbringt seine Zeit damit, Frauen kennenzulernen. Aber bevor er sie richtig kennengelernt hat, ist sie weg oder er weg oder beide nicht interessiert. Hier ist er, apropos alte Geschichten, ein Nachkomme des Don Juan, auch Don Giovanni. Obwohl es eher um die Quantität der erotischen Abenteuer geht, bleibt in ihm immer die Sehnsucht nach der einzigen, wahren Liebe. Aber die ist nicht mehr zu haben.

Sein Leporello, der Diener, welcher die Amouren zählt, ist eine Frau. Eine Kollegin, welche mit ihm in einem Altersheim arbeitet. Als Objekt der Begierde kommt sie nicht infrage, man kennt sich zu gut, ist geradezu befreundet. Und wahrscheinlich ist sie sogar lesbisch, zumindest ein bisschen. Mit dieser Freundin redet Daniel auch über die Vergangenheit: seine kaputte Familie; seinen Vater, mit der langjährigen Geliebten; seine frustrierte, liebesunfähige Mutter. Beide Elternteile werden im Laufe der Handlung besucht, sie sind einsam und verkommen. Und die Vergangenheit schlägt noch auf andere Weise durch, in den Geschichten der alten Menschen, um die sich Daniel beruflich kümmern muss, Menschen im Altersheim. Ihn interessiert eine alte Dame, die sich nur noch in Lauten äußert, aber nicht mehr redet. Als er ihre Geschichte entdeckt, stellt er fest, dass sie ihren Mann sterben ließ, ohne den Notarzt zu benachrichtigen. Sie hatte ihm wohl einen Tag beim Sterben zugesehen.

Beziehungstrümmer, wohin man schaut, bei der Generation der Eltern. Und die nachfolgende Generation verhält sich kaum anders, sucht die Schuld dafür wohl bei den Eltern, die Schlange beißt sich in den Schwanz. Die Muster ähneln sich, Daniel verliebt sich in eine Frau, die nichts von ihm wissen will. Diese Frau hat ähnliche Verhaltensweisen wie er, spielt mit Nähe und Distanz. Das macht sie reizvoll, geheimnisvoll. Eine andere Frau möchte ihn lieben, das ist zu nahe, zu verschlingend. Aber, man zieht mal zusammen, probeweise. Eigentlich ist er schon beim Einzug genervt. Dann stellt die Frau fest, dass sie Distanz braucht, ein Hund wird angeschafft … eigentlich sind alle Geschichten schon erzählt. Das Internet ist auch kein Ausweg. Die Kontaktaufnahmen sind zum Scheitern verurteilt in dem Moment, wo man die virtuelle Welt verlässt und das reale Szenecafé betritt.

Daniel überrascht die begehrte Frau nackt und in inniger Umarmung mit seiner besten Freundin. Daniel besucht einen Freund, der schwul ist. Dieser lädt ihn in sein Bett ein, Daniel lehnt ab, überlegt aber, mit wievielen Frauen er geschlafen hat, die er sexuell nicht interessant fand. Und Daniel besucht seine Schwester, sie trinken, kiffen und schlafen fast miteinander. Ist sie die einzige Frau, die er auf Dauer lieben könnte? Ist das Tabu das letzte Aphrodisiakum? Wenn, dann finden die wahren Abenteuer, wie alles andere auch, im Kopf statt. Denn als sich herrausstellt, dass Daniel adoptiert wurde, dass kein Verbot mehr im Raume steht, lässt auch die Attraktion seiner Nicht-Schwester nach. Die Sehnsucht der beiden erfüllt sich nur noch in Blumfeld-Songs.

In dieser Schlussphase wird die Novelle, die bisher so lapidar daherkam wie das Leben, doch noch psychologisch. Die Kälte der Mutter, die Absenz des Vaters, die Ahnung der Adoption, alles dies könnten Entschuldigungen sein. Aber auch Menschen aus intakten Familien irren orientierungslos über den Beziehungsmarkt. Mir hätte der Daniel ohne nachgeschobene psychologische Erklärung besser gefallen, denn das ist eine sehr moderne Geschichte, obwohl wir sie schon kennen, zumindest in weiten Teilen. Es ist eine verzweifelte Geschichte über Beziehungsunfähigkeit und Bindungsangst, über die Unmöglichkeit zu lieben. Das ist hoffnungslos, schnörkellos erzählt.



Donald Berkenhoff ist Dramaturg, Regiesseur und stellv. Intendant des Stadttheater Ingolstadt.

 

Michael Kleinherne "Daniel"
erschienen Nov. 2014 im Bayerischen Poeten- und Belletristikverlag, 2012 Seiten, 9 €, auch als E-Book im Buchhandel, beim Verlag oder diekt vom Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Lesung am Samstag, 20. Dezember - Michael Kleinherne mit Gerhard Trautmannsberger und Michael von Benkel in Eichstätt, und zwar in der sehr stimmungsvollen Galerie Bildfläche am Bahnhofplatz. Gerhard Trautmannsberger liest aus seinem Krimi "Bernbichler oder: Der Kommissar" und Michael von B. aus "Das Taxi: Elf wahre und eine erfundene Geschichte". Einlass ist bei freiem Eintritt um 20:00 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr.

Mehr ...

Der Kulturkanal Ingolstadt stellt die Novelle in seinem Beitrag vom 12. Dezember vor und führte eine Interview mit dem Auto Michael Kleinherne - hier

Der Eichstätter Kurier stellt Buch und Autor vor - hier

Michael Kleinherne, "Drehpause" auf K10 - hier

Der Trailer zur Novelle auf youtube - hier

 

 

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